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Träume und Zweifel

Richard Wagner: Tristan und Isolde

Premiere: Theater: Oper Leipzig
Regie: Enrico Lübbe  Musikalische Leitung: Ulf Schirmer   Foto: Tom Schulze   
Fotos auf der Homepage des Theaters
Von Ute Grundmann am 06.10.2019

Ein marodes, zerbröckelndes Haus, gestrandet wie ein Schiff, ist ihre Welt. Mächtig streckt es auf der Bühne der Oper Leipzig zersplitterte Streben, Stützen, Stufen aus – für „Tristan und Isolde“. Und ihre Welt ist unsicher und schwankend, wechselt die Farben und die Lichter wie ihre Gefühle. Wie man Richard Wagners so bekannte Geschichte der großen Liebenden heutig und packend in Szene setzen kann, zeigt Enrico Lübbe, Intendant des Schauspiels, mit seiner Inszenierung und fulminanten Sängern. Dazu brilliert das Gewandhausorchester unter Ulf Schirmer, Intendant und Generalmusikdirektor der Oper, mit fast unglaublicher Vielfalt der Klänge und Stimmungen. Und das Englischhorn spielt auch im Wortsinne mit.

Schon die Ouvertüre entfaltet die Welt. Erst sanft, dann schnell, immer wieder retardierend, voller Aufschwünge und Rückschritte, breiten die Musiker und Schirmer hier das ganze Panorama aus, ehe Welt und Musik ganz leise verklingen. Wagners Oper beginnt filmisch in einem hellen Lichtrahmen. Man schaut durch ein Felsenloch in Isoldes Zimmer, wo sie im Zwiegespräch mit Brangäne ihre Sorgen und Gefühle vor ihr und sich ausbreitet. Das ist ein fulminanter Auftakt für Meagan Miller: Sehr natürlich, sicher und souverän, klagt sie, erinnert sich, bangt und bebt, so dramatisch wie innig. Da ist der filmische Einstieg längst verschwunden, dominiert optisch das bräunlich-düstere Schiff-Haus (Bühnenbild: Étienne Pluss).

Es ist aber auch eine Welt der Fallen und Fallstricke. Denn die löchrigen Wände erlauben auch das Lauschen und Beobachten. Und so zieht sich Brangäne (Barbara Kozelj) zwar diskret zurück, als Tristan (Daniel Kirch) und Isolde (Meagan Miller) zum ersten Mal aufeinander treffen, doch sie schleicht draußen die Wände entlang. Das Hofdamen-Aufpasser-Prinzip, das die Protagonisten nie allein sein lässt, verkörpert in der treuen Dienerin. So setzen Enrico Lübbe und sein Co-Regisseur Torsten Buß (Chefdramaturg des Schauspiels) immer wieder Akzente. Tristan (Daniel Kirch) ist hier kein Held, wie er so oft genannt wird, sondern sehr menschlich. Er liebt, leidet, kämpft und steht auch mal stumm und betroffen da, wenn ihm wieder mal Untreue vorgeworfen wird, bald von Melot (Matthias Stier), bald von König Marke (Sebastian Pilgrim, wunderbar düster und menschlich). Daniel Kirch singt und spielt das mit ganz vielen Nuancen und Zwischentönen. So ist Lübbes Personenführung präzise, nachvollziehbar, nah an Handlung und Text, berührend – wie man es von seinen Schauspielinszenierungen kennt. So bleiben Spannung und Emotionen extrem hoch, auch über fünf Stunden.

Die wunderbare Lichtregie von Olaf Freese trägt viel zum Zauber dieser Aufführung bei: Da erstrahlt sogar der Türrahmen, wenn im 1. Akt der Geliebte endlich erscheint. Es verdüstert sich aber auch alles, wenn Tristan oder Isolde wieder in Abgründe stürzen, oder nur noch kleine, einzelne Lichter Orientierung geben. Die will Tristan auch das Englischhorn geben. Gundel Jannemann-Fischer betritt zu Beginn des 3. Aktes die Bühne, auf der der heimgekehrte Tristan und Kurwenal (Jukka Rasilainen) im sachten Schneetreiben kauern, trägt traurig-tiefe Klänge die Rampe entlang. Dann verharrt sie an der Seite, taucht in der Mitte der Szenerie wieder auf, bringt das Instrument zu ihm, als könnten ihm die Klänge Antwort auf seine Fragen geben. Wunderbar.

Da hatte Enrico Lübbe schon ein erstes Fragezeichen gesetzt. Im 2. Akt, den er mit immer wieder sinkendem Vorhang in Segmente teilt, steht plötzlich, mit dem Rücken zum Publikum, ein zweiter Tristan auf der Bühne, ein Doppelgänger. Ab hier schwingt die Frage mit, sind wir in einer echten (Liebes-)Geschichte oder einer Parabel, sehen wir Menschen oder Traumgestalten, Prototypen? Die Antwort gibt das Ende. Da umschwärmen den zwischen Liebes- und Leidenswahn taumelnden Tristan bis zu sieben Isoldes, bis endlich die eine erscheint. In Wagners Werk steckt das alles, Personen und Paradigmen, Traum, Realität und der Zweifel an beidem. Und mit Meagan Millers grandioser Schlussarie ist alles nur noch Wonne: Für Isolde, Tristan, Solisten, Orchester, Dirigent, Regieteam. Im fast viertelstündigen Jubel schien Daniel Kirch fast etwas ratlos, Meagan Miller dagegen gar nicht.

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