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Theatrale Winde

Sami Özbudak: Yel

SchauspielPremiere:  (UA)   Theater: fringe ensemble Bonn/Monologlar Müzesi Istanbul
Regie: Frank Heuel, Sami Özbudak   Foto: Tanja Evers   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Guido Krawinkel am 02.06.2021

Gut Ostler in Bonn ist eine wahre Oase: inmitten des sogenannten Dransdorfer Feldes gelegen, ist es ein Leuchtturm des ökologischen Landbaus, inklusive intensiv duftendem Misthaufen, ausgedehntem Gemüsegarten und einem historischen Gutshaus. Diese Oase hat sich das Bonner fringe ensemble als Spielort für seine erste Produktion nach der langen Corona-Pause ausgesucht. Das hat den Vorteil, dass man Open Air und coronakonform spielen kann, und das ungewohnte Ambiente passt durchaus zur Thematik des Abends.

Der Kontrast könnte auf den ersten Blick kaum größer sein: Vögel zwitschern, Esel schreien, Gänse schnattern in der Ferne und auf der in einem Gewächshaus eingerichteten Spielfläche geht es währenddessen ans Eingemachte. „Yel“ von Sami Özbudak spielt in einem Hinterhofgarten in Istanbul, einer kleinen Insel in einer in gewisser Weise trostlosen Situation, denn es ist der Garten der letzten orthodoxen Kirche dort. Zudem sind die Protagonisten im Aufbruch: Thelma (Laila Nielsen) wird in Bälde an einer Londoner Universität studieren, ihre Mutter Melinda (Bettina Marugg) in ihr Heimatdorf zurückkehren. So ist es jedenfalls geplant, doch am Ende kommt alles ganz anders. Erzählt und kommentiert wird das Ganze von Hund Yel (Ismail Deniz).

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Die Konstellation scheint damit klar: Am Ende eines Lebensabschnitts und am Beginn eines neuen wird Bilanz gezogen und manches hinterfragt. Dann soll ein neuer Abschnitt beginnen. Schlussendlich kommt es jedoch zur Katastrophe, alte Konflikte brechen auf, zu guter Letzt geht es im Kern doch um einen uralten Mutter-Tochter-Konflikt: Die Tochter will ausbrechen, die Mutter kann nicht loslassen, am Ende sind Mutter und Hund tot und die Tochter tanzt einen skurrilen Totentanz. Der Konflikt wurzelte letztendlich doch tiefer als es das anfängliche Setting erahnen ließ. Denn je mehr und mehr im Laufe des Resümees von Mutter und Tochter Probleme aufblitzen und manche Lüge entlarvt wird, desto mehr kippt die Situation, bis sie schließlich in der ultimativen Katastrophe gipfelt.

Regisseur Frank Heuel erzählt das alles mit routinierter Hand. Er bezieht die speziellen örtlichen Gegebenheiten wie landwirtschaftliche Requisiten oder einen im Gewächshaus abgestellten alten Wartburg ebenso mit ein, wie er an passenden Stellen kleine Aufmerksamkeitsanker – wie etwa einen nackten Flitzer (David Fischer) in einer stummen „Sidekick“-Rolle – einbaut, um das Publikum immer bei Laune zu halten. So spielen die Akteure teilweise außerhalb des Zeltes, was dann mittels Video übertragen wird. Teilweise bringen sich die örtlichen Gegebenheiten jedoch auch selbst in spontaner Weise in die Inszenierung ein, wenn etwa die Esel schreien oder die Gänse schnattern – und zwar relativ ohrenbetäubend und an nicht unpassenden Stellen. Das verleiht der Inszenierung zuweilen eine zwar unfreiwillig komische, aber durchaus sympathische Note.

Ausgezeichnet ist das Ensemble dieser Inszenierung. Bettina Marugg gibt als Melinda wirklich alles, wälzt sich im Dreck und gibt ihrer Rolle der im Suff versunkenen, die Tochter an sich fesselnden und schlussendlich in tödlicher Ausweglosigkeit versinkenden Mutter eine sehr authentische Kontur. Doppelbödiger erscheint die von Laila Nielsen sehr wandlungsfähig gespielte Tochter, die nicht nur wie ihre Mutter ein paar Geschichten in der Erinnerung aufgehübscht, sondern diese letztendlich sogar mit einer Lüge zum Loslassen gezwungen hat. Mit einer über weite Strecken humorigen Mischung aus lakonischen Bemerkungen und trockenem Witz verkörpert Ismail Deniz Yel (auf Deutsch: Wind), den Hund, der das Geschehen aus der Perspektive des involvierten Beobachters mit entlarvender Offenheit kommentiert.

Eigentlich war geplant, das Stück als Doppelpremiere zeitgleich in Bonn und Istanbul zu inszenieren. Diesem Plan machten aber die derzeitigen coronabedingten Ausgangsbeschränkungen am Bosporus und böige Winde den Garaus. Ohnehin dürfte es für Theatermacher wie Sami Özbudak nicht einfach sein, unter den derzeitigen diktatorischen politischen Bedingungen in der Türkei überhaupt etwas zu produzieren. Nicht nur deshalb hat diese Produktion einen hohen symbolischen Wert und trotz des archetypischen Themas eine zweifelsohne politische Relevanz. Denn gerade dieses Archetypische kann unter Umständen auch als doppelbödige Chiffre für die derzeitigen Verhältnisse gelesen werden. Es beruht zudem auf wahren Begebenheiten, denn die orthodoxe Kirche und die dazugehörige Gemeinde in Istanbul gibt es wirklich. Entstanden ist das in Zusammenarbeit mit Frank Heuel entwickelte Stück aus Erzählungen, die Autor Özbudak mit den verbliebenen Gemeindemitgliedern geführt hat.

Auf der Spielfläche gehen am Ende die Lichter aus. Das Drama ist vorbei, Mutter und Hund sind tot, die Tochter ist frei. Ende Oktober geht dann auch auf Gut Ostler das Licht aus, dann wird die Oase Geschichte sein.

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