Aber viel mehr als die zitierten Sätze ist dem Text nicht zu Erdoğan zu entlocken – in der Figur des Orhan aber tiefe Verunsicherung deutlich. Heimatverlorenheit. Was in der Begegnung mit dem verlorenen Sohn Murat deutlich wird. Der ist schwul, lebt in den USA, kommt mit seinem Freund vorbei. Orhan gibt sich aufgeklärt, tolerant. In die Dialoge eingeschrieben ist aber der Schmerz, dass Murat nicht dem traditionellen Männerbild entspricht. Eine „Blamage“ nennt Orhan seinen Sohn, „ich wünschte, ich wäre nicht mal mit dir verwandt.“ Und zeigt so, dass seine liberale Identität nur eine meist mühsam gewahrte Maske ist. Parallel lässt Rehm eine Szene aus seinen 1950er-Jugendjahren spielen, in der Orhan ein Job in einem US-Unternehmen versagt wird, weil er Türke ist – und daraus den Schluss zieht, nie gleichberechtigt mit Menschen der westlichen Kultur zu sein. Weswegen er seine türkischen Wurzeln weiter wuchern lässt. Daraus könnte ein aktuelles Statement abgleitet werden. Dass die gesellschaftliche Öffnung Atatürks eben eine Entfremdung war, etwas Übergestülptes, das nicht der Bevölkerung erwuchs. Sie nicht mitgenommen, ihr Denken vielfach nicht im Grundsatz verändert wurde. Sodass Werte, Verhaltensmuster und osmanisches Großmachtsdenken von einst überlebte. Aber das herauszuarbeiten, gelingt der Regie nicht. Gerade auch weil die Figur des Orhan, durch die der Riss des Landes, der Geschichte geht, sowohl in der Jugend- wie Seniorausgabe so bollerig boulevardesk gespielt wird, dass er als Beispiel der Verlorenheit eines zwischen Tradition und Moderne zerrissenen Landes nicht funktioniert. Wie leider die ganze Aufführung mit ihrem betulichen Tempo, der implantierten Wehmutsmusik und -poesie, ziemlich statischer Regie und großenteils holzschnittartig klischeehaften Rollengestaltungen enttäuscht. Die Bühne Julia Hattsteins nimmt kaum Bezug auf das Pera Palas, ist wegen Unbehaustheit des Personals mit einer lockeren Schüttung an Koffern hergerichtet, die mal gestapelt, um wütend umgeschmissen zu werden, auch als Sitzmöbel funktionieren.
Die Stück funktioniert hingegen prima als Geschichtsunterricht und Feier des Vermächtnisses Atatürks. In den 1918 bis 1924 angesiedelten Szenen ist zu erleben, wie eine Feministin junge Frauen im Harem eines Paschas vom selbstbestimmten Leben überzeugen, gleichzeitig aber auch die türkische Kultur nicht verdammen, sondern aus sich heraus verstehen will. Beides erfolglos. Die 1950er-Jahre-Szenen erzählen von verfestigten Vorurteilen älterer Türken gegen Schweinefleisch essende „Ungläubige“ und verfestigten Vorurteilen junger Westler gegen die „stinkende Hölle“ der Moslems sowie der naiven US-Lehrerin Kathy, die ihrem biederen Alltag entkommen und mit dem Amerika-fixierten Orhan als orientalischem Liebhaber ein Leben in 1001 Nacht und westlicher Zivilisation erhofft. Was scheitert. In den 1990er Jahren gibt es nur noch haltlose Menschen, sie saufen, schreien, verzweifeln, resignieren. Das ist dann vielleicht der Humus, auf dem Erdoğans Macht wucherte.
