Wie überhaupt die musikalische Seite – wieder mal – eine großartige Visitenkarte für die Aalto-Oper ist. Dass es an diesem Abend doch Menschenschicksale gibt, die den Zuschauer nicht kalt lassen, liegt an den durchweg hervorragenden Sängern, die sämtlich dem hauseigenen Ensemble entstammen. Michael Smallwood bezaubert als Petrus-Darsteller Yannakos mit leicht ansprechendem Tenor, Jessica Muirhead brilliert in der musikalisch sehr anspruchsvollen Rolle der Prostituierten Katerina mit großformatigem, warm timbriertem und klarem Sopran und Baurzhan Anderzhanov adelt den Flüchtlingspriester Fotis mit dem innigen Leuchten seiner bildschönen Bassbariton-Stimme. Dazu singt der groß besetzte Chor beeindruckend intonationsrein. Auch die Essener Philharmoniker haben, abgesehen von kleinen Wacklern im dritten Akt, einen wirklich großen Abend, auch weil ihr Generalmusikdirektor Tomás Netopil klare Vorstellungen von Martinus Partitur hat und diese zu vermitteln weiß. Zentrum und Fundament des ungewöhnlich breiten Klangspektrums ist der fast durchgehend präsente, etliche Metamorphosen durchlaufende Streicherteppich. Er scheint ein Gleichgewicht zu repräsentieren, das immer wieder durch Nebenstimmen konterkariert und unterlaufen, teilweise auch durchbrochen und zugedeckt wird. Im Orchester erfährt der Handlungskonflikt der „Griechischen Passion“ jene dramatische Zuspitzung, jene schärfende Konzentration, die ihm auf der Bühne vorenthalten bleibt.
