Foto: „AscheMOND oder The Fairy Queen“ von Helmut Oehring am Staatstheater Cottbus. Szenenfoto mit: (vordere Ebene) – Helmut Oehring (Gitarren) und Felix Kroll (Akkordeon), (Bildmitte vorn) Kassandra Wedel (Fairy Queen) sowie Damen und Herren des Opernchores; (hintere Ebene) Statisterie. © Bernd Schönberger
Text:Georg Kasch, am 24. Januar 2026
Sebastian Baumgarten entfesselt am Staatstheater Cottbus in Helmut Oehrings „AscheMOND oder The Fairy Queen“ visuell beeindruckende, situative Minidramen, in deren Deutungsoffenheit die Stärke des Abends liegt. In der Rolle der Fairy Queen: Kassandra Wedel als Gebärdenperformerin.
Wer ist diese Fairy Queen? Staunend gleitet sie über die Bühne, leichtfüßig. Es ist, als sähen wir die Welt mit ihren neugierigen, befremdeten, verstörten Augen unterm blauen Bob neu. Auf ihrer Stirn deuten sich zwei kleine Hornhöcker an. Teuflisch aber wirkt hier eher der Mensch.
Denn Regisseur Sebastian Baumgarten entfesselt in seiner Inszenierung von Helmut Oehrings „AscheMOND oder The Fairy Queen“ am Staatstheater Cottbus dunkel realistische Bilder mit einem bedrohlichen Twist. Da gibt es Menschen, die an einer nächtlichen Tankstelle auf dem Bus raus aus dem Kaff warten. Junge Frauen, die vorm Späti einen alten, etwas verwahrlosten Mann ausnehmen. Waldspaziergänger, die von einem sehr rechtskonservativ wirkenden Herrengesangsverein verdrängt werden. Menschen, die eine Industrieanlage in Brand setzen.
Emotions- und Denkräume
Als Rahmen dient dem Team um Baumgarten (Bühnenbildner Thilo Reuther, Videodesigner Philipp Haupt und Kostümbildnerin Meentje Nielsen) ein Tonstudio – das legendäre im Funkhaus in der Berliner Nalepastraße. Ein subtiler Hinweis darauf, dass an diesem Abend viele Künstler*innen beteiligt sind, die in der DDR sozialisiert wurden. Und auf den Versuch, die „Music for a while“, wie es bei Henry Purcell heißt, dauerhaft zu bannen. Dabei erübrigt sich hier visuell wie akustisch jeder Wunsch eines „Verweile doch“: Immer, wenn man sich gerade eingerichtet hat in der Süße der Musik, in der Schönheit eines Bildes, kommt der Bruch.
Zu Beginn stolpert Countertenor Georg Bochow als verpeilter Iggy-Pop-Lookalike ans Mischpult, wird neben Kassandra Wedels Fairy Queen zur zweiten Bezugsperson. Viel mehr an Geschichte gibt es nicht. Denn Komponist Helmut Oehring und Librettistin Stefanie Wördemann haben mit Texten von Shakespeare, Heine, Stifter und anderen Situationen geschaffen, Emotions- und Denkräume, keine Handlung. Bei der Uraufführung 2013 an der Berliner Staatsoper (damals noch im Schillertheater) hatte Regisseur Claus Guth dazu auf der Drehbühne eine Art Familientrauergeschichte konstruiert.
Cottbuser Fassung
Baumgarten schafft stattdessen visuell beeindruckende Minidramen auf einer Bühne auf der Bühne: Hinter den Fensterjalousien des Studios öffnen sich dank faszinierender Videobilder (schon lange eine Spezialität des Regisseurs, man denke nur an seinen bahnbrechenden „Orest“ 2006 an der Komischen Oper Berlin) Welten, die mal an David Lynch, mal in ihrer Symmetrie an barockes Kulissentheater denken lassen. Mit wenigen dreidimensionalen Elementen – mal ein Mülleimer, mal Pilze – verbinden sie die virtuelle und die haptische Ebene. Wenn etwa hinten projiziert der Schnee stöbert und vorne zugleich live aus dem Bühnenhimmel rieselt, ergibt das einen herrlichen visuellen Orientierungsverlust.

„AscheMOND oder The Fairy Queen“ von Helmut Oehring. Szenenfoto mit: (Bildmitte, vorn) Kassandra Wedel (Fairy Queen), (dahinter, v.l.n.r.) Luzia Tietze und Anne Martha Schuitemaker; Damen und Herren des Opernchores. Foto: Bernd Schönberger
Gerade die Deutungsoffenheit wird hier zur Stärke des Abends, weil es ihm gelingt, immer neue emotionale Resonanzräume zu öffnen. Das liegt auch an der Cottbuser Fassung von Oehrings Oper. Nach der Berliner Uraufführung (145 Minuten) und einer erweiterten Version in Wuppertal 2017 (170 Minuten) hat der Komponist jetzt reduziert: weniger Text, weniger Solist*innen, eine Dauer von nurmehr zwei Stunden. Logistisch wie künstlerisch ist das immer noch ein Wahnsinnsritt: Im Graben sitzt das Philharmonische Orchester unter Generalmusikdirektor Alexander Merzyn, im Rang das Bach Consort Cottbus unter Changmin Park. Dazu kommen der fantastische Akkordeonist Felix Kroll und der Komponist selbst an der Gitarre auf der Bühne, elektronische Zuspiele, Sänger*innen und Kassandra Wedel als Tänzerin und Gebärdenperformerin.
Weltuntergangs-Generalprobe
Vor allem aber sind diese zwei Stunden jetzt derart kompakt, verkanten sich die Kompositionen von Henry Purcell – aus der titelgebenden „Fairy Queen“ und vielen anderen Werken – und Oehrings perkussionsstarkes Rascheln, Krächzen bis hin zum packenden Klangsturm, die zugespielten Passagen und die gesungen, gebärdeten und gesprochenen so produktiv, dass man sich davon sehr gerne durchschütteln lässt. Meisterhaft ist das miteinander verwoben, auf- und ausgeführt mit einer Sicherheit, die mit zur schlafwandlerischen Wirkung beiträgt. Das betrifft die perfekt aufeinander abgestimmten Orchester (wie musikantisch das Bach Consort aufspielt! Wie genau sich die stampfende Unerbittlichkeit im Graben entwickelt!) ebenso wie den stimmgewaltigen Chor der Mondsüchtigen und die Solist*innen, die alle ihre großen Momente haben: Anne Martha Schuitemaker, Luzia Tietze, Dirk Kleinke und Heiko Walter vom Haus wie Gast Georg Bochow, dessen anfangs spröder Countertenor zunehmend an Glanz und Fülle gewinnt.
Am Ende rundet sich hier vielgestaltig und vielstimmig so etwas wie ein Requiem. Auf Menschlichkeit. Liebe. Die Welt als lebenswerten Ort. Aber so, wie sich auf der Textebene einmal die Sonnenfinsternis als eine Art Weltuntergangs-Generalprobe erweist, so hat man am Ende den Eindruck, dass all die Schönheit und all der Schrecken dieses beeindruckend komplexen Abends vor allem dazu dienen, uns bewusst zu machen, was auf dem Spiel steht. „Alle Leben enden. Alle Herzen brechen. Immer“, heißt es am Schluss. Stimmt. Aber bis dahin ist noch Zeit, die Welt zu ändern – und das Leben zu feiern.