Aufführungsfoto von „Homo Oeconomicus“ von Andrea Tarrodi an der Staatsoper Hannover. Kinder in dunklen Anzügen und roter Krawatte und weißem Hemd stehen in einer Reihe. Davor eine Frau im Frack mit Zylinder, die die Arme verschränkt und verkniffen guckt.

Gesungene Wirtschaftstheorie

Andrea Tarrodi: Homo Oeconomicus

Theater:Staatsoper Hannover, Premiere:11.04.2026 (UA)Regie: Helena RöhrMusikalische Leitung:Hyerim Byun

Die Uraufführung „Homo Oeconomicus“ von Andrea Tarrodi an der Staatsoper Hannover setzt sich mit dem Leben und Werk des Urvaters der freien Marktwirtschaft, Adam Smith, auseinander. Der Kammeroper fehlt es allerdings an Konflikten, sodass die Inszenierung von Helena Röhr zu sehr ins Harmonische driftet.

Spritpreise rauf, selbst wenn der Ölpreis sinkt, die Selbstherrlichkeit des Kapitalismus ist an jeder Tanksäule greifbar dieser Tage. Das nationalökonomische Standardwerk des Aufklärers Adam Smith von 1776 fabuliert dagegen vom Kapitalismus als Wirtschaftssystem voller Harmonie, in dem „der Bäcker, der Schlachter und der Brauer“ aus eigenem Gewinntrieb gute Ware herstellen, die die Kunden in freier Wahl der Konkurrenz gerne kaufen, sodass sich durch die „unsichtbare Hand“ des Marktes der allgemeine Wohlstand ständig mehre. Träum weiter Kleines!

Die Komponistin Andrea Tarrodi und ihre Librettistin Helena Röhr haben Smiths Leben und Theorie im Auftrag der Staatsoper Hannover zu einer Kammeroper geformt, die die Doppelgesichtigkeit des „Homo Oeconomicus“, so ihr Titel, nicht ausspart, aber musikalisch wie szenisch auch ihrerseits doch zu sehr im Harmonischen verharrt.

Harmloser Swing

Sie präsentieren den Homo Oeconomicus als Conférencieuse, eine wohl mephistophelisch gedachte Cabaret-Figur, die auf soften Swing-Melodien die Menschen zum Kapitalismus verführen soll. Katharina von Bülow singt sie mit dem Vibrato des Opermezzos. Sie füllt so auch allein auf der kleinen Bühne des Ballhof-Theaters die Leere mit ihrer biblischen Ur-Erzählung vom Volk in der Wüste zwischen Gott (Moral der Zehn Gebote) und Geld (Goldenem Kalb). Von Bülow wandelt sich gekonnt auch zur Tänzerin und Zauberin, aber ihrer Figur fehlt das Maliziöse, Gefährliche. Dazu ist auch der Swing heute zu harmlos, da hätte man sich eher einen Rapper vorstellen können, der das Zynische von Smiths gutgemeintem Kapitalismus aufgespießt hätte.

Denn den Kontrast von alter Theorie und modernen Auswirkungen macht das Autorinnenpaar an sich ja zur Struktur des anderthalbstündigen Werks: Wir sehen in der Inszenierung der Librettistin die mit historischem Schreibtisch, Perücke und Stickrahmen ausgestattete Welt des Adam Smith, einem freundlich philosophierenden Muttersöhnchen, dem Mutti das Wehwehchen vom Fuß pustet. Man kann das eigentlich nur als Karikatur verstehen, aber Röhr bleibt da sehr zurückhaltend. Demgegenüber die alleinerziehende Multi-Jobberin Melissa unserer Tage beim Putzen, vor Einkaufsregalen und am Bett ihres Sohnes Alfred. Dieser Alfred wird perfekt gesungen von Alisa Gromova – wirklich eine wunderschöne, im Monolog anrührende Mädchenstimme.

Selbsterklärende Monologe

Dem Werk fehlt es allerdings an Konflikten, um die Figuren aus ihrer Symbolfunktion herauszuholen. Über weite Strecken erklären sie sich in Monologen selbst. Bei Mutter und Sohn Smith herrscht Idealharmonie. „Ich habe dich gebraucht, und du bist gekommen“, singt Adam. Jonathan Winell darf mit seinem Tenor meist in wohliger Mittellage bleiben. Die Care-Arbeit der Mutter ist im 18. Jahrhundert noch selbstverständlich und nicht eingepreist in seinem „Wohlstand der Nationen“. Sie gehört ins Feld seines ersten Bucherfolgs „Theorie der ethischen Gefühle“, wo er ein Bedürfnis, auch Nächstenliebe zu schenken, konstatiert. Wissen die Turbokapitalisten heute natürlich nicht mehr.

Aufführungsfoto von „Homo Oeconomicus“ von Andrea Tarrodi an der Staatsoper Hannover. Menschen verschiedenen Alters stehen nebeneinander auf der Bühne, in der Mitte eine Frau barfuß mit einem weißen, leichten Kleid.

„Homo Oeconomicus“ von Andrea Tarrodi an der Staatsoper Hannover. Foto: Bettina Stoess

Die Bescherung muss nun Melissa auslöffeln. Hier tritt zwar der typische Konflikt auf, Kind will, was Mutter nicht bezahlen kann, und kriegt es (einen Riesenlolly!). Aber musikalisch bricht da nichts auf. Alfred ist sogar verständig und einfühlend. Gern greifen die Autorinnen Worte und Motive im neuen Kontext wieder auf: Diesmal singt Melissa, die Mutter, in verzweifelter finanzieller Lage, wie sehr ihr die Zuwendung des Kindes hilft. Ketevan Chuntishvili bringt dafür einen gefühlvollen, höhenschönen Sopran ein. Ebenso wie Sandra Janke mit würdig-weichem Mezzo als Mutter Adams überzeugt. Das Vibraphon und leicht gerührtes Becken geben ihnen zauberischen Glanz.

Zeitübergreifendes Duett

Hyerim Byun lässt das zehnköpfige Orchester die Wechsel zwischen solchen Sternenstaub-Momenten, den fast musicalhaften Gefühlsszenen und dem im besten Fall Brecht-Weillschen Drive der Conférencieuse und Börsen-Märschen plastisch ausleben. Der exzellente Kinderchor der Staatsoper tritt – Verfremdungseffekt – auch als Wertpapierhändler auf. An entscheidenden Stellen läutet die Wall Street Glocke. Das ist alles sehr überdeutlich und klar zugeordnet, auch tonal ohne echten Bruch zum Jetzt.

Am Ende vereinen sich die Mütter zum zeitübergreifenden Duett, das sogar den Homo Oeconomicus rührt, unter aufgeregten auseinanderstrebenden Streichern verwischt er sich die Schminke, wandelt sich unter dem Donnergrollen aus Trommel und Tamtam des biblischen Beginns nun selbst zur Ur-Mutter und stimmt ins Mütter-Trio ein, dem alle, einschließlich Alfred an Adams Hand, in einem Kreislauf folgen und singen: „Ich werde die helfende Hand sein.“ Kann es eine Versöhnung der Smithschen Theorien, also der ethischen Gefühle mit der Nationalökonomie geben? Kann sie so einfach aussehen?

Die Autorinnen haben, hochnötig!, schließlich doch noch Zweifel angefügt: eins der Gören schert aus und singt sehr selbstbewusst vom Reiz des Besserverdienens, das Kostüm des Homo Oeconomicus liegt bereit, er wird nicht sterben … Siehe oben, Spritpreise.