Indem Bergmann jeder Miniatur einen neuen ästhetischen Charakter zueignet, kann sie eine fast vierstündige Spannung aufrechterhalten. Im ersten Stück, Angeliki Darlasis „Ein Nichts“, wählt sie an einer Stelle, unterlegt mit klassischer Musik und Rotlicht, das Verfahren der Zeitlupe, damit sie die genaue Dramaturgie der skrupellosen Selbstinszenierung einer Politikerin aufzeigen kann. Die Überleitung zu Larisa Fabers „340x“ wird unterdessen mit Schostakowitschs „2. Walzer“ hergestellt – eine durch und durch passende Entscheidung, deutet doch allein schon die melodische Reigenstruktur die ewige Wiederkehr der Kindesmisshandlung als zentralem Sujet des Textes an.
Besonders hervorzuheben ist noch das Arrangement zu Maryam Zarees Text „Deutsche Küche“. Hierin begibt sich eine Reporterin (Lucie Emons) auf Spurensuche. In einem Restaurant ist es zu einem handgreiflichen Konflikt zwischen einem migrantischen Küchenarbeiter und dessen offensichtlich rechtsextremen Vorgesetzten gekommen. Und während in dem die gesamte Kulissenfläche einnehmenden Film der Besitzer des Restaurants (Heisam Abbas) schmutzige Wäsche rhetorisch reinzuwaschen versucht, kehrt die Journalistin auf der Bühne Aschehaufen zusammen. Es ist die Asche der Opfer des Naziterrors, die Asche, die nicht verschwinden will, die Asche vor einem Hotel, wo einst Deportierte wohnten und vor dem Hitlers Getreuen entschlossen defilierten, wie ein Einspieler dokumentiert.
In „Die neuen Todsünden“ stimmt nahezu jedes Bild. Bergmanns Zugriffe sind geprägt von Ingeniösität, Intelligenz und vor allem unverwechselbarer Klarheit. Motive wie die Kirche und das Messer ziehen sich als Mustersymbole für Ethik und Gewalt durch die Darbietung höchst heterogener und in ihrer Qualität mitunter stark differierender Dramen. Hierin liegt wohl auch der einzige Nachteil des Abends begründet. Mag sich die Regie immer wieder als Kraftwerk des Abends hervorzutun, gibt die literarische Grundlage auch nur Dürftiges her. Sivan Ben Yishais kritische Abrechnung mit Glauben und religiösem Eifer oder auch Teile von Angeliki Darlasis „Ein Nichts“ muten unausgegoren, bisweilen plump und sehr vorhersehbar an. Mit den Miniaturen von Marina Davydova, Maryam Zaree, Sivan Ben Yishai, Elise Schmit, Larisa Faber, Angeliki Darlasi und Liv Strömquist ist dem Badischen Staatstheater nichtsdestotrotz ein Opus magnum gelungen, dessen bildnerische Macht endlich wieder Zeichen der theatralen Intensität vor Corona zu erkennen gibt.
