Lena wird von Julia Sylvester spröde in einer Mischung aus Aufmüpfigkeit und Sehnsucht nach der außergewöhnlichen Liebe vorgeführt, man könnte auch sagen: zwischen Disco-Girl und Edelfrau. Sylvester macht daraus eine explosive Mischung, ein Kessel, in dessen Innern es brodelt. Die schönste Szene zwischen Lena und Leonce ist das stumme Spiel, einen Kuss wie den Wind über den Abstand zu blasen, ein Spiel, das hin- und hergeht und in dem einmal sogar Leonces Begleiter Valerio einen solchen Kuss auffängt. In dieser szenischen Umsetzung bündeln sich die Intentionen der Regie: Aktuelles sich im Historischen spiegeln zu lassen, beide Ebenen in einer emotionalen Ebene zusammenzuführen. Dies gelingt aber nur im Spiel ohne Text, wie eine andere Szene zwischen Leonce und Lena zeigt, das erste Zusammentreffen im Move-Licht einer Disco (oder des Traums?). Hier begegnen sich die beiden in einer Gebärdensprache, die anzeigt, wie sehr sich beide angezogen fühlen. Umso größer dann erst einmal die Enttäuschung, als sie erkennen müssen, dass sie, die voreinander weggelaufen waren, um sich nicht binden zu müssen, nun auf der Flucht getroffen und gebunden haben.
Diana Wolf als Gouvernante wirkt nicht wie die Erzieherin Lenas, sondern eher als Freundin, die auch mal schnippisch sein kann. Am ehesten den überlieferten Rollenklischees entspricht Philipp Dürschmied als Valerio, der ruhende Punkt in diesem Spiel der Neurosen. Er erregt sich nicht, er nimmt lieber eine Trinkdose zur Hand, philosophiert über den Müßiggang und genießt es, am Ende Staatsminister zu sein, was für ihn zu seinem früheren Gammler-Leben keinen Unterschied ausmacht. Ariane Scherpf verlässt sich in ihrem Bühnenbild auf das anheimelnde Ambiente des Schlosshofes, auf dem sie ein großes Podest aufgestellt hat mit dem Vorhang, der sich öffnet, als Leonce und Valerio auf Wanderung gehen – angedeutet dadurch, dass beide, an Seile gebunden, auf der Stelle schreiten. Auch hier braucht Scherpf nur vier Pflanzenkübel mit Zierbäumen auf Rädern, um schnelle Ortswechsel zu markieren. Mit der Rückkehr zur Welt des König Peter, den nun Diana Wolf allein spielt, wird der Vorhang wieder zugezogen.
Insgesamt lässt der Abend auf einen großen Kraftaufwand des Theater Aalen schließen – zumal, weil aufgrund der Hygienemaßnahmen nur circa 40 Zuschauer pro Vorstellung dem Geschehen zusehen können.
