De Candia inszeniert auch die Überhöhung der Gefühle, Remarques Vergötterung der Marlene, und er zeigt die verschiedenen Rollen des Schriftstellers, der ihr als Alfred schrieb oder Ravic (eine der Hauptfiguren seines Romans „Arc de Triomphe“), als konkrete Figuren auf der Bühne. Um Marlene Dietrichs Unangepasstheit auf die Bühne zu übertragen, lässt er sie nicht nur erwartungsgemäß in Männerkleidung tanzen, er präsentiert auch das klassische Rollenbild der Zeit, um die Gegensätze zu verdeutlichen.
„Sag mir, dass du mich liebst“ lautet der Titel des Abends – dahinter kann man erst einmal Kitsch vermuten. Doch gerade in diese Falle sind Mauro de Candia und seine Dramaturgin Patricia Stöckemann nicht getappt. Sie zeigen Zartheit und flehende Sehnsucht ohne Rührseligkeit. Die emotionale Atmosphäre entsteht physisch vor allem über assoziative und spielerische Bewegungen, immer wieder aber auch durch die Musik, Stücke von Lili Marleen oder aber Franz Schubert. Eindrücklich stehen dagegen die Szenen der Kriegserinnerung, intensiviert durch eingespielte Geräuschkulissen, die an Bombeneinschläge erinnern. Häufig tanzt das Ensemble wie im Zeitraffer verlangsamt, verkörpert dabei sowohl den harmonischen Beginn als auch das Scheitern der Liebe, dann wieder den militärischen Grusel des Krieges. Ganz besonders anziehend ist an diesem Abend die überraschend große darstellerische Kraft der Tänzer, allen voran die der Tänzerin Vasna Felicia Aguilar, die, als „Haupt-Marlene“, sehr sensibel die Dominanz und Leidenschaft der Figur zeigt. Diese Choreographie vermittelt viel Atmosphäre im Raum zwischen konkreter Darstellung und abstrakter Reflektion und ist eine sinnliche Erinnerung an den großen Schriftsteller.
