Foto: Clarice versucht sich gegen Francois Rosbourg durchzusetzen. © Tim Müller
Text:Jan Fischer, am 8. März 2026
Am Theater für Niedersachsen in Hildesheim inszeniert Elena Hoof Simone de Beauvoirs selten gespielten und einzigen Theatertext „Die unnützen Mäuler“. Und führt dabei vor, wie wenig sich seit 1945 an den Machtstrukturen geändert hat.
Am Ende liegen sie da, ein Haufen Menschen, und strecken die Waffen dem Feind entgegen. „Öffnet das Tor“, sagt Louis d’Avesnes (Martin Schwartengräber). Lieber stirbt die Truppe, als noch mehr von der Belagerung zu ertragen, an der sich die Stadtgemeinschaft fast zerrieben hätte. Bis dahin war es allerdings ein langer Weg. „Wiederbeleben“, so sagt es Oliver Graf, der Intendant des Theaters für Niedersachsen, im Anschluss an die Premiere in Hildesheim, wolle man Simone de Beauvoirs „Die unnützen Mäuler“. Er hoffe, dass der Text demnächst auch an anderen Häusern zu sehen sei. Tatsächlich war der Text – de Beauvoirs einziger Theatertext, geschrieben 1945 – nach seiner deutschsprachigen Erstaufführung 1949 in Münster kaum je auf einer Bühne zu sehen.
Für das Theater für Niedersachsen hat sich die Regisseurin Elena Hoof des Textes angenommen: Zwischen halb verbrannten Vorhängen harren die Einwohner der Stadt Vaucelles während einer Belagerung aus. Belagert wird die Stadt, weil die Einwohner:innen sich ihres alten Herzogs entledigt haben, was wiederum dem König nicht passt. Die Nahrung wird knapp. Hilfe ist erst einmal nicht zu erwarten. Also beschließt der gewählte Stadtrat – alle männlich –, sich der titelgebenden unnützen Mäuler zu entledigen: Die Kinder, die Frauen, die Alten sollen aus der Stadt getrieben werden. Schließlich tragen sie weder etwas zum Krieg bei noch zu der Konstruktion des Turmes, der mitten in der Stadt gebaut werden soll.
Vom Feuer zernagt
Hoofs Stadt ist auf der Bühne in keinem guten Zustand: Ein paar Kisten stehen da, ein paar Ziegelsteine. Vor allem aber Vorhänge, die wie von Feuer angenagt von einem drehbaren Gestell herabhängen. Patrizia Bitterich hat für de Beauvoirs Text ein eher spärliches Bühnenbild gestaltet. Es geht in der Hildesheimer Inszenierung um den Text. Und der führt erst einmal exemplarisch vor, wie Frauen in dem Stück umherbefohlen werden.
Clarice (Camila Cordero) soll mit einem Mann verheiratet werden, den sie nicht will. Außerdem ist sie von einem anderen schwanger. Jeanne (Lene Jäger) ist schon mit einem Mann verheiratet, den sie nicht will. Cathérine (bei der Premiere gespielt von Dafne-Maria Fiedler) ist verheiratet mit dem Ratsmitglied Louis d’Avesnes und da auch nicht so richtig glücklich. Immerhin kann sie aber über ihren Mann ein wenig Macht in der Stadt ausüben. Der Rest der Männer – Ratsmitglieder sowie Louis‘ Sohn George (schön ekelhaft interpretiert von Daniele Veterale) – ist auf die eine oder andere Art machthungrig und gewalttätig. Einzig Jean-Pierre Gauthier (Paul Hofmann), der wiederum Clarice liebt, ist zumindest ein wenig anständig, aber anfangs zu egoistisch, um selbst Ratsmitglied zu werden und die Katastrophe zu verhindern.

Die Mitglieder des Stadtrats. Foto: Tim Müller
Männer üben also Macht über Frauen aus. Frauen sind Objekte der Macht der Männer und werden, sobald es irgendwie anstrengend wird, weggeworfen. Als „unnütze Mäuler“ deklariert. So weit, so bekannt, so de Beauvoir. Am Ende raufen sich dann alle zusammen. Der phallische Turm wird in Brand gesteckt. Die Stadt versucht, in dem eigenartig militaristisch-heldischen Ende – in dem sicherlich etwas aus de Beauvoirs Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg und mit der Résistance steckt – gemeinsam einen Ausfall durch die Belagerer hindurch. Lieber gemeinsam eine Idee bis in die letzte Konsequenz leben als überleben.
Respekt für den Text
Elena Hoof bleibt in ihrer Inszenierung dabei dicht am Text, der in sperriger Sprache und langen erzählerischen Schnörkeln inklusive einer gewundenen Liebesgeschichte zwischen Clarice und Jean-Pierre und Vorführungen verschiedenster Gewalt zu der Erkenntnis kommt, dass kein Mensch eine Insel ist. Gemeinschaft ist wichtiger als Egoismus, nicht nur für diejenigen, über die Macht ausgeübt wird. Es steckt viel von de Beauvoirs Philosophie in „Die unnützen Mäuler“. Nicht nur, was die Gewalt gegen Frauen angeht, sondern gerade auch im Ende, wenn die patriarchalen und familiären Strukturen sich langsam zugunsten einer größeren Gemeinschaft auflösen.
Hoof – die 2023 mit einer Solo-Lecture-Performance den Hauptpreis des Körber Studio Junge Regie gewann – hat dabei vielleicht etwas zu viel Respekt für den Text. Die zweistündige Inszenierung hätte gut 20 bis 30 Minuten kürzer sein können. Nebenstränge der verworrenen Erzählung hätten gestrichen, etwas an der Sprache geschraubt werden können. Andere Dinge – die Konstruktion des sinnlosen Turmes – versuppen in der Handlung ein wenig. Das Ende hätte etwas weniger militaristisch sein können. Letztendlich bietet sich hier keine wirkliche Alternative, sondern nur eine kollektivere Form von Gewalt. Dennoch: Hoof stellt de Beauvoirs Text auf solide Füße, lässt ihm den Raum, den er in seiner Komplexität braucht.
Gerade nach der Pause, als kurz mit Wiederholungen und groß projizierten Insektenvideos gearbeitet wird, blitzt hindurch, wie der Text auch anders, vielleicht etwas moderner auf die Bühne hätte kommen können. Auch wenn de Beauvoirs Themen – und das ist die große, bittere Erkenntnis des Abends – nach wie vor aktuell sind. Möglicherweise liefern Hoof und das Theater für Niedersachsen hier tatsächlich den Startschuss für eine Wiederentdeckung des Textes. Nötig wäre es. Leider.