Valérie Suty in Lydia Steiers "Kátja Kabanova"-Inszenierung am Oldenburgischen Staatstheater.
Musiktheater,

Sie machen es alle

Leos Janácek: Kátja Kabanová

Theater:Oldenburgisches Staatstheater, Premiere:10.03.2012Autor(in) der Vorlage:Alexander N. OstrowskiRegie:Lydia SteierMusikalische Leitung:Thomas Dorsch

Leos Janáceks Kátja Kabanová ist eine zutiefst zerrissene Frau: einerseits vital genug, um in einem Verhältnis mit dem Moskauer Intellektuellen Boris Zuflucht vor jener Ehehölle zu suchen, die ihr ihr Mann Tichon und dessen Mutter bereiten; andererseits aber so skrupulös, dass sie ihren Fehltritt ohne äußere Not, aus purer innerer Gewissensqual öffentlich gesteht. Janácek hat ihr in seiner Oper selbst eine weibliche Alternative an die Seite gestellt: Vavara, Pflegetochter im Hause Kabanov, sinnlich, lebensdurstig – und am Ende fähig, mit ihrem Kudrjasch der Enge der Kleinstadt Kalinov am Wolgaufer zu entfliehen: nach Moskau, wohin sonst?

In Lydia Steiers Inszenierung von „Kátja Kabanová“ am Staatstheater Oldenburg ist Stefanie Schäfer eine absolut plausible Vavara: ein rotwuschelhaariger Wildfang, dem Leben und der Liebe zugewandt, eine Frau, die ihre Sinnlichkeit selbstbewusst auslebt. Doch was es mit dieser Kátja auf sich hat, erfährt man nicht wirklich. Lydia Steier stellt die Titelheldin gleichsam zwischen zwei Welten: auf der einen Seite die freie, schöne Natur am Wolgaufer, von der Kudrjasch wortreich schwärmt, und die das effektvoll unheildrohende Drehbühnenbild von Flurin Borg Madsen in einem grauen Landschaftsprospekt etwas düster einzufangen sucht; auf der anderen Seite die Kunst- und Kindwelt einer Puppen-Manufaktur, wo Arbeiterinnen unter dem strengen Regime der herrschsüchtigen Schwiegermutter Kabanicha in Reih und Glied an Tischen ihre Figuren herstellen. In der Tat erzählt ja Kátja, dass ihre Mutter sie immer wie ein Püppchen ausstaffiert habe. Und in der Tat sieht das Wohnzimmer der Kabanovs, das die Bühnenmitte einnimmt, aus wie eine Puppenstube, in der die Frauen, leblosen Puppen gleich, an ihren Stickarbeiten sticheln.

Doch Steier überlagert diesen typologischen Gegensatz mit Marginalideen, die mehr Verwirrung als Klarheit schaffen: Da wird die moralische Strenge der Kleinstadtgesellschaft demaskiert als Fassade hemmungsloser Promiskuität, wo jeder es mit jedem treibt, und wo offenbar auch jeder weiß, dass „es“ alle mit allen machen; sogar der Pope ist mit von der lüsternen Partie. Doch wenn der Hang zum Laster so allgegenwärtig ist: wieso ist dann ausgerechnet für Kátja der moralische Rigorismus verbindlich? Einerseits stilisiert Steier die Figuren in einer fast stummfilmhaften Zuspitzung, so dass man ahnt, wie viel Satire in Janáceks pittoresken Russland-Bildern stecken könnte; doch andererseits versickert die Stilisierung immer wieder in vollkommen realistischen, breit ausgepinselten Sitten- (oder Unsitten-)Gemälden mit den dazu passenden Kostümen von Ursula Kudrna. Und ob es wirklich hilft, dass Kátja hier ein Töchterchen hat, das daran leidet, dass ihre Mutter selbst sich wie ein unreifes Kind benimmt? Statt ein Thema, Kátjas Dressur zu puppenhaft lebensferner Infantilität, wirklich zu entwickeln, kommen sich die Deutungsansätze in die Quere. Und Kátjas Charakter bleibt ungreifbar zwischen Sozialsatire, Genrerealismus, Familienaufstellung und Individualpsychologie.

In einem insgesamt durchaus beachtlich besetzten Ensemble kommen die Vavara und der Kudrjasch vokal am überzeugendsten zur Geltung. Stefanie Schäfer singt mit einem klar fokussierten, bronzestrahlenden, stets schlanken und einfühlsam geführten Mezzo. Und auch Michael Pegher trifft jenen typischen Janácek-Ton aus Ausdruckskraft und deklamatorischer Klarheit recht gut, der schon expressiv sein, aber nicht zu dick werden darf. Während Valéry Suty ihrer Titelheldin und auch Daniel Ohlmann ihrem Geliebten Boris zu viel wabernde Große-Oper-Dramatik mit ins Bühnenleben geben und ebenso Jayne Casselman die Kabanicha eher ausladend als scharf zeichnet. Daran hat auch der Dirigent Thomas Dorsch gewissen Anteil, der den Orchestersatz zwar äußerst plastisch und spannungsgeladen, aber oft auch recht laut gestaltet und so zu selten jene impressionistisch schillernden Klänge findet, die doch auch zu Janáceks Idiom gehören. Am Ende viel Beifall für alle Beteiligten und für einen Opernabend, der dem Publikum trotz der genannten konzeptionellen Einwände szenisch intensiv ausgearbeitete, effektvolle Bilder verhängnishafter Düsternis bietet.