Staatsballett Darmstadt in "Skid"
Tanz,

Schwere Zeiten

Damien Jalet, Imre und Marne van Opstal: V/ertigo

Theater:Hessisches Staatsballett Darmstadt Wiesbaden, Premiere:17.09.2022Musikalische Leitung:Ines Kaun

Zum Schluss stehen die Sechs vorn am Bühnenrand mit dem Rücken zum Publikum, vor sich das Spielfeld, an dessen beiden Seiten Leute auf Stühlen sitzen. Wie Verurteilte vor Gericht wirken die spärlich Bekleideten vor denjenigen, die noch singen – „Kyrie eleison“. Sie hören zu. Die Tänzerinnen und Tänzer schauen auf das, was sie vorher angerichtet haben auf der weißen Fläche: Szenen, Geschichten, Bilder. Da ist nichts mehr zu sehen. Darum geht es hier: Vergehen, Vergangenheit. „I’m afraid to forget your smile“ (Ich habe Angst, dass ich dein Lächeln vergesse), heißt die Choreographie dieses Doppelabends „V/ertigo“ am Staatstheater Darmstadt, in dem nie jemand lächelt.

Diese dreißig Minuten Choreographie von Imre und Marne van Opstal, ein Auftragswerk für das Hessische Staatsballett, zeigen die Zeit nach dem Lächeln. Vielleicht nach dem Abschied oder dem Tod von jemand Geschätztem, Geliebtem. Es ist ein Aufbegehren, bis es schließlich still wird – äußerlich.

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Die niederländischen van Opstals, als choreographierendes Geschwisterpaar ein Unikum, blicken auf Tänzerkarrieren beim berühmten Nederlands Dans Theater und bei der ebenso berühmten Batsheva Dance Company zurück. Von beiden Kunstbiotopen sind Spurenelemente in ihrem Werk zu entdecken, das tiefe Einsinken zwischen auseinandergestellte Beine, die Mann-Frau-Duette; aber noch mehr scheint der Drang, sich mit Eigenem zu behaupten, ihren Stil zu prägen. Trotz toller, schlüssiger Momente wirkt „I’m afraid to forget your smile“ auch etwas zu angestrengt, zuweilen prätenziös.

Über Leben

Der kleine Chor, sechzehn Personen des Opernchors geleitet von Ines Kaun, singt zeitgenössische Kompositionen, deren Texte kaum zu verstehen sind (von Ola Gjeilo, Jóhann Jóhannsson, David Lang, Arvo Pärt, Howard Skempton, Eric Whitacre, Charles Anthony Silvestri). Für die Choreographie ist diese getragene, choral- oder gebetsartige Musik wie ein Gefühl, gegen das sie angeht – bis sie sich ihm später nähert. Im Liegen lassen die Tänzer ihre Glieder auf den Boden klatschen. Laute Leiber. Neben die mehrstimmigen Harmonien setzen danach Einzelne, zwei oder drei gemeinsam ihre eher ruppigen Tänze: betont unsymmetrisch, nicht-elegante Linien oder Bögen, abbrechende Bewegungsfolgen. Allen voran Ramon John, der Hochgewachsene: In alle Richtungen knickt und fährt er sich aus und kippt gekonnt, als verkörpere er die Unmöglichkeit.

Auch die anderen meistern die rasanten Kraftakte, sich selber zu erheben, die Balancen, die Spagate im Stehen, das Ziehen an anderen, das Tragen und Heben, das Stillstehen im Gruppenbild mit lebloser Person im Schoß. Das zeitweilige Zuviel an Aktion in „I’m afraid …“ passt irgendwie zur Angstabwehr, aber es stört auch.

Im anderen Teil mit dem Titel „Skid“ hingegen stören die schönen Muster-Phasen. Es sind zu viele, wenn in dem Stück des belgischen Choreographen Damien Jalet, das er 2017 für die Göteborg Operans Dans Kompanie schuf, die sechzehn Tänzerkörper sich zu Ornamenten fügen. Aufgereiht, mal im Stehen, mal im Sitzen, heben und senken sie sich wie dressierte Algen im Wasser. Wellen wandern oder Impulse setzen sich durch die Menge fort. Aus einem scheinbaren Chaos bilden sich plötzlich Reihen. Das wirkt ein-, zweimal betörend, aber in der – immerhin variierten – Wiederholung wie Effekt, zumal man das von anderen Jalet-Stücken kennt. Doch abgesehen davon ist „Skid“ grandios.

Die Bühne, gestaltet von Jim Hodges und Marques da Cruz, fällt zum Orchestergraben hin ab und ist mit 34 Grad Steigung fast so schräg wie das „/“ im Titel „V/ertigo“. Was an das grafische Spiel in dem großartigen Werk „Thr(o)ugh“ erinnert, das Jalet für das Hessische Staatsballett 2016 schuf – das Stück mit der Riesenröhre, das ihn erklärtermaßen zu diesem hier inspirierte, wie auch das japanische Ritual Onbashira, bei dem Baumstämme beim Berg-Herabrollen geritten werden. Die Männer setzen dabei ihr Leben aufs Spiel. Der Tod aber ist der Anfang von „Skid“.

Überleben

Über die sehr hohe obere Bühnenkante schieben sich Hände, Arme, mal ein Bein zuerst, mal ein Kopf. Der Körper, braun gekleidet, folgt langsam, dann liegt und gleitet er ganz langsam die weiße Schräge hinab, dann noch einer, noch einer. Es sieht aus, als schwebten sie, flögen sie. Eine Ergebenheit wird spürbar, und die Figuren erinnern an alte Gemälde oder Fresken vom Himmel, in den Erdenmenschen streben. Oder Seelen. Was ist oben, was unten?

Spätere Szenen werden der Abwechslung halber dynamischer, da purzeln und rutschen alle schneller, während Christian Fennesz‘ Elektronikmusik dunkel hallt; sie erfinden das Anhalten und Hochbiegen des nach hinten herabhängenden Rückens, kreiseln auf dem Bauch, wirbeln die Arme. Es halten sich auch zwei oder mehr mal an den Händen beim Herabgleiten, jemand zieht von oben, als rette er eine unter ihm Stürzende, oder wie Bergsteiger bilden sie Ketten. Aber nie zeichnet die Choreographie die Stürze oder das Loslassen dramatisch. Es gibt hier keine Angst. Es ist nicht das Jüngste Gericht. Dies zu realisieren beim Zuschauen ist zutiefst berührend.

Ans Ende setzt Damien Jalet dann doch mit einem Hauch Theatralik eine Art Geburt, eine Entpuppung und die Entwicklung einer Menschheit, einer einzelnen Tänzerin, vom Kauern und Krabbeln zum Zweibeiner, der sich mit jedem gewagten, wackligen Schritt allmählich selbst aufrichtet.