Julia Bührle-Nowikowas Bühne unterstützt diese Offenheit: Sie hat eine raumbeherrschende Spirale ins Kleine Haus des Freiburger Theaters gebaut, auf der Kleidungsstücke hängen. Von oben regnen im Lauf des fast zweistündigen Abends weitere Stofffetzen hinunter auf eine Müllhalde aus Textilien. Es sieht ein bisschen nach postsowjetischem Chaos aus, nach einer Gesellschaft nicht im Aufbau, sondern in Auflösung. Es sind verschiedene Episoden, die sich in, an und außerhalb der Spirale bündeln. Zunächst scheinen sich nichts miteinander zu tun zu haben, doch im Verlauf des Stücks wird klar, dass alles miteinander verwoben ist: Das arrivierte Ehepaar Adam und Celia mit Adams Geliebter Antonia, diese mit Anton, der als vermeintlicher Terrorist von Rafaela (ein Glanzstück von Johanna Eiworth) verhört wird, der Mutter von Antonia. Adam wiederum sollte die Fernsehproduzentin Martha, die sich in einem Hotel mit Schwarzwälder Kirschtorte verbarrikadiert hat, weil sie einen Riesenprofit aus dem öffentlichen Sterben der jungen Rula gezogen hat, zur Vernunft bringen. Nur Oskar, der nach der Verbundenheit seines Körpers mit den Atomen von Sternen und Planeten sucht, lebt als Obdachloser allein im Wald.
Die Episodenstruktur von „Zorn“ bringt es mit sich, dass die Monologe der Figuren im Vordergrund stehen. Das könnte mühsam sein, aber Nino Haratischwilis Sprachgewalt gleicht diese dramatische Schwäche fulminant aus. Im deutschsprachigen Gegenwartstheater, das sich gern auf Ironie zurückzieht, um Pathos zu vermeiden, mag die melodramatische Wucht von „Zorn“, diese ungebrochen verzweifelte Wut der Figuren auf ein Leben, aus dem sie nicht ausbrechen können, befremdend wirken. Doch auch wegen der sehr beeindruckenden Leistung des deutsch-georgischen Ensembles ist „Zorn“ in Freiburg ein herausragender Theaterabend.
