Schlagabtausch der Maestros

Peter Danish: Last Call – Letzte Runde

Theater:Hamburger Kammerspiele, Premiere:18.02.2026Regie:Gil Mehmert

An den Hamburger Kammerspielen geraten Leonard Bernstein und Herbert von Karajan in Peter Danishs „Last Call – Letzte Runde“ noch einmal aneinander: ein witzig-scharfer Schlagabtausch über Kunst, Eitelkeit und Moral, der Karajans NS-Nähe ebenso streift wie Bernsteins Lust am Überschreiten. Dass zwei Frauen die Maestros spielen und ein Countertenor als Maria Callas dazwischenfunkt, macht aus der Anekdote ein kluges Theater über Bewunderung, Rivalität und die leise Sehnsucht nach Nähe.

Ein Tisch, einige Stühle, ein Tresen, blau tapezierte Wände – mehr braucht es nicht, um die berühmte „Blaue Bar“ des Wiener Hotels Sacher auf die Bühne der Hamburger Kammerspiele zu zaubern. Hier trafen im Jahr 1988 die Star-Dirigenten Leonard Bernstein und Herbert von Karajan zufällig aufeinander. Der Kellner, der sie damals bediente, trifft rund dreißig Jahre später – wiederum zufällig – auf den US-amerikanischen Theaterautor Peter Danish, den die Erinnerungen des Kellners zu einem Bühnenstück inspirieren.

Soweit die außergewöhnliche Entstehungsgeschichte des Kammerspiels „Last Call – Letzte Runde“, das 2025 seine Uraufführung am Off-Broadway in New York City feierte. Mit Gil Mehmert und Frank Blase sind zwei Rheinländer für die Regie und Produktion des Stücks verantwortlich, das nun in gleicher Besetzung in Hamburg zu erleben ist. Und die kann sich sehen lassen.

Helen Schneider als Leonard Bernstein dirigiert in der Produktion „Last Call“

Helen Schneider als Leonard Bernstein in „Last Call“. Foto: Maria Baranova

Hedonist trifft Asket

Helen Schneider und Lucca Züchner geben sich in den Rollen der beiden Maestros einen 90-minütigen Schlagabtausch, der ein Licht auf zwei Persönlichkeiten wirft, deren Kunst- und Lebensauffassungen kaum unterschiedlicher hätten sein können.

Wenn Züchners 80-jähriger Karajan zu Beginn bei einer Tasse Tee die Partitur von Brahms’ erster Sinfonie studiert, während die Musik aus dem Off erklingt, sieht das wie eine Heiligenbeschwörung aus. Schneiders zehn Jahre jüngerer Bernstein schwingt sich derweil auf den Barhocker und bestellt erst mal einen Whisky. Hier der Hedonist, dort der Asket. Hier einer, dem scheinbar alles zufliegt, der Grenzen überschreitet und die Musik mit Leben füllt. Dort einer, der sich alles mit Fleiß erarbeiten muss, der zu bewahren versucht und einem hehren Schönheitsideal nachhängt.

V.l.n.r.: Helen Schneider, Victor Petersen und Lucca Züchner in Peter Danishs „Last Call“. Foto: Maria Baranova

Die Polarisierung der Charaktere bietet den beiden Darstellerinnen dankbaren Angriffsflächen für Bemerkungen so spitz wie ein Dirigierstab. Bernstein macht sich über Karajans Drang zur Perfektion lustig, Karajan zieht über Bernstein gefühlige Mahler-Interpretationen her, wie er überhaupt den Hang des jüngeren Kollegen zur Unterhaltungsmusik nicht nachvollziehen kann. Man tauscht sich über körperliche Beschwerden aus, wirft sich gegenseitig opportunistisches Handeln vor, und immer wieder kommt Karajans Mitläufertum zur Zeit des Nationalsozialismus zur Sprache, das dem Juden Bernstein bitter aufstößt.

Callas als gemeinsame Mitte

Zwischendurch serviert Ober Michael – dessen reales Vorbild die Idee zum Stück gab – Getränke und wird an entscheidender Stelle zum Sinnbild für die, trotz aller Differenzen, tiefe Verbundenheit der beiden Antipoden: In ihrer Verehrung für Maria Callas finden Bernstein und Karajan für einen Moment zusammen, während Michael, dargestellt von Countertenor Victor Petersen, sich in die schillernde Operndiva verwandelt und ihr mit der Arie „Il dolce suono“ aus Donizettis „Lucia di Lammermoor“ seine Stimme leiht. Zweimal dreht Petersen den Tresen und verwandelt ihn in ein Pissoir, das nacheinander von den späten Gästen aufgesucht wird.

Während der Trennung hören wir ihre Gedanken, die offenbaren, dass beide – versteckt hinter männlichem Stolz – eine tiefe Bewunderung für den jeweils anderen hegen. Auch in dieser Hinsicht erweist sich die Besetzung mit zwei Frauen und das Spiel mit den Geschlechtern als glückliche Wahl. Vor allem aber macht es uns darauf aufmerksam, dass hier keine biografischen Abbilder geboten werden, sondern Theaterfiguren, die das Wirkliche mit dem Möglichen verbinden. Dank des leidenschaftlichen, hochpräsenten, witzig-pointierten Spiels von Helen Schneider und Lucca Züchner funktioniert diese Verbindung hervorragend – auch für Menschen, die wenig Berührungspunkte mit klassischer Musik haben.

 

„Last Call – Letzte Runde“ ist eine Koproduktion der Hamburger Kammerspiele und der apiro Entertainment GmbH & Co. KG.