Aufführungsfoto von „Il Gattopardo“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa am Schauspielhaus Zürich. Eine Frau im schwarzen Kleid hält in der linken Hand einen Brief, die rechte Hand spreizt sie von sich und schreit. links neben ihr steht ein Mann im blau-samtenen Bademantel und guckt sie skeptisch an.

Im sterbenden Palast der Salina

Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Il Gattopardo

Theater:Schauspielhaus Zürich, Premiere:29.11.2025Vorlage:Il GattopardoAutor(in) der Vorlage:Giuseppe Tomasi di LampedusaRegie:Pınar Karabulut

Regisseurin Pınar Karabulut bringt zu Beginn ihrer Co-Intendanz am Schauspielhaus Zürich die Geschichte eines sizilianischen Adelsgeschlechts im Niedergang prachtvoll und opulent auf die Bühne. In Giuseppe Tomasi di Lampedusas Roman „Il Gattopardo“ bröckelt der Putz des fürstlichen Anwesens, für das die Inszenierung die beeindruckende Tiefenwirkung des Bühnenraums grandios ausnutzt.

Willkommen im Palast der Salina. Um zu ihren Plätzen zu kommen, müssen die Zuschauer im Zürcher Schiffbau Michela Flücks fantastische Zimmerflucht durchschreiten. Durch einen in Rot ausgeschlagenen engen Korridor wandelt man durch Assemblements mit barocken Möbeln, Ölporträts und Fresken an den Wänden nach vorn. Herrschaftlich, keine Frage. Nur dass da und dort der Putz bröckelt, an einer Stelle sogar ein Loch gerissen ist und die Armierungsstähle sichtbar werden. Glanz und Gloria des alten sizilianischen Fürstengeschlechts sind im Sinkflug, vielleicht wissen es die Betroffenen noch nicht, doch der alte Fürst Don Fabrizio Corbera, ein Melancholiker reinen Wassers, macht sich keine Illusionen darüber, dass er der letzte seiner Art sein wird.

Pınar Karabulut, im Duo mit Rafael Sanchez neue Intendantin des Schauspielhauses, hat bei ihrer ersten Inszenierung am neuen Ort keine Mühe (und vermutlich auch keine Kosten) gescheut, um ein grandioses Theaterzeichen zu setzen. Die Maschinenhalle, die oft nur noch als Kulisse diente, wird bei ihrer Umsetzung von Giuseppe Tomasi di Lampedusas Jahrhundertroman „Il Gattopardo“ konstruktiv einbezogen in die Bühnengestaltung. Auf einer herkömmlichen Theaterbühne wäre die dreidimensionale, in die Tiefe gestaffelte Spielfläche mit verschiebbaren Kabinetten nicht möglich gewesen. Natürlich muss das Ensemble in einem so weitläufigen Setting mit Mikroports arbeiten. Aber in einem Fall wie diesem ist ihr Einsatz – im Gegensatz zum oft willkürlichen Gebrauch – notwendig und deshalb plausibel.

Neureicher Emporkömmling

In Kooperation mit der Dramaturgin Hannah Schünemann zeichnet die Regisseurin auch verantwortlich für die weitgehend im Originalton gehaltene Bühnenfassung. Diese basiert auf Burkhart Kroebers 2019 erschienenen Übersetzung des Romans über die Zeitenwende in Italien Mitte des 19. Jahrhunderts, als im Zuge der nationalen Bewegung des Risorgimento, mit Garibaldi an der Spitze, das Bürgertum zur herrschenden Schicht aufstieg.

Aufführungsfoto von „Il Gattopardo“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa am Schauspielhaus Zürich. Ein großer, dreidimensional gestaffelter Bühnenraum mit Marmorboden und Einrichtungsgegenständen. Ein Mann steht verloren in der Mitte des Raumes.

Dreidimensionaler Bühnenraum: „Il Gattopardo“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa am Schauspielhaus Zürich mit Markus Scheumann. Foto: Krafft Angerer

In der Zürcher Inszenierung verkörpert diesen Typus des neureichen Emporkömmlings Alexander Angeletta als Bürgermeister Don Calogero Sedàra, ein spilleriges Männchen mit geckenhafter rot karierter Hose im schottischen Stil, engem Jackett mit dunkellila Aufschlägen und lächerlichem Schnauzbart.

Süditalienische Pracht

Womit man bei den Kostümen wäre. Was für eine süditalienische Pracht entfalten die Roben von Sara Valentina Giancane: Man kann sich kaum sattsehen. Da ist einerseits die strenge  schwarze Eleganz der Fürstin Maria Stella Corbera (mit hysterischen Ausbrüchen: Nicola Gründel) und ihrer Tochter Concetta (mit großartig adeliger Contenance bis zuletzt: Sophia Mercedes Burtscher), andererseits die kecke, bauchfreie übertriebene Opulenz der Newcomerin Angelica Sedàra. Wenn Mirjam Rast zum ersten Mal auftritt – wirklich auftritt! –, erstarrt zur leisen dramatischen Musik von Daniel Murena, die im reizvollen Mix von Naturtönen mit sizilianischer Volksmusik und elektronischen Klängen eine ganz eigenartige Atmosphäre erzeugt, die ganze Adelsgesellschaft, als habe sie gerade eine Erscheinung. Dass sich die Schicksalswende der überkommenen Kaste in diesem Augenblick ankündigt, bedarf keiner Worte. Passend zu diesem Paradiesvogel ist die Ausstattung ihres künftigen Ehemanns Tancredi (Mouataz Alshaltouh) in Flieder und Knallgrün: was für eine Kombination.

Aber obwohl die Ausstattung in die Vollen geht und bis ins Detail schlüssig erscheint, spielt die Hauptrolle Tomasis Sprache: eine einzigartige Mischung aus alteuropäischer Eleganz und literarischer, an Proust und Joyce geschulter Moderne. Der Spross eines sizilianischen Adelsgeschlechts, Herzog von Palma und Fürst von Lampedusa, schrieb seinen einzigen Roman schon schwerkrank in den letzten beiden Jahren vor seinem Tod am 23. Juli 1957. Natürlich ist der Fürst Don Fabrizio sein Alter Ego. Und wie Markus Scheumann dieser Figur Atem gibt: Das ist das Ereignis des dreieinhalbstündigen Abends. Dass die Regie es gewagt hat, den 17-seitigen Abschiedsmonolog des sterbenden Patriarchen ungekürzt auf die Bühne zu bringen, zahlt sich aus. Während der gefühlt dreißig Minuten, in denen Don Fabrizio seinen Tod nahen fühlt, hätte man eine Stecknadel im Saal fallen gehört. Ein Moment großen Theaters. Pınar Karabulut sei Dank.