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Schauen und Erstaunen

Luigi Dallapiccola: Ulisse

MusiktheaterPremiere: Theater: Oper Frankfurt
Regie: Tatjana Gürbaca  Musikalische Leitung: Francesco Lanzillotta   Foto: Barbara Aumüller 
Von Bernd Zegowitz am 27.06.2022

Er ist einer der großen Heimatlosen, ein Suchender, ein fliegender Holländer des Mittelmeers, der gar nicht so listenreiche Odysseus. Und doch scheint er am Ende angekommen zu sein. Die Ruhe, die Wagners Ahasverus des Meeres in der Liebe ersehnt und im Tod findet, vermeint Odysseus beim Blick in die Sterne wahrzunehmen, denn dort scheint er ein Gegenüber zu entdecken. Keine Senta, kein weibliches Pendant, sondern ein göttliches Wesen und dann zeigt sich zum ersten Mal ein entspanntes Lächeln auf seinem Gesicht. Er ist am Ziel, seine Einsamkeit hat ein Ende. So zumindest inszeniert Tatjana Gürbaca den Schluss von Luigi Dallapiccolas „Ulisse“ an der Oper Frankfurt, wobei das Ende zugleich ein Neustart für weitere Suchbewegungen sein könnte.

Einer von uns

Odysseus ist einer von heute, einer von uns. Aus einer Gruppe von Griechenlandtouristen herausgerissen, mit Helm und Schlagstock ausgestattet, um sich in einer feindlichen gesinnten Umwelt durchzuschlagen, mit Blut beschmiert, um den gefährlichen Außenseiter zu markieren, wird er auf seine nackte (Unterhosen)Existenz zurückgeworfen. Nicht vom Meeresgott Poseidon, sondern von den Menschen, die viel übler als die Götter sind. Im Anschluss daran durchläuft der Protagonist noch einmal die zentralen Stationen seines Lebens, allerdings nicht chronologisch erzählt, sondern in Rückblendungen und Vorausdeutungen, wobei sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vermischen, Traum und Wirklichkeit nicht recht zu trennen sind. Orientierung verschafft Klaus Grünbergs Einheitsbühnenbild, das eine archäologische Ausgrabungsstätte andeutet, aber auch das (Unter-)Bewusstsein von Odysseus symbolisiert. Bedrückend niedrig und schlecht gestützt hängt die Decke auf halber Höhe der Bühne, Requisiten sind schnell austauschbar, Verwandlungen gehen rasch vor sich, neue Schichten sind schnell freigelegt, der Handlungsort aber bleibt derselbe.

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Gürbacas Odysseus ist unterwegs, will aber gar nicht nach Hause und weiß eigentlich auch nicht, was er überhaupt will. Er befindet sich in einem Prozess der Selbstfindung, auf der ihn manche ein Stück begleiten, ihm weiterhelfen. Andere gehen verloren, bleiben auf der Strecke, haben ausgedient. Bei der phäakischen Königstochter Nausikaa entdeckt er sich als Liebender, schreckt aber vor einem Leben als Ehegatte zurück. Auch der Partykönig Alkinoos kann ihn nicht zum Bleiben überreden. Die Lotophagen ebenso wie Kirke verlocken zwar die Gefährten des Odysseus, er selbst aber muss weiterziehen. Eine Umarmung mit seiner Mutter im Totenreich bleibt ihm verwehrt und mit der in Ithaka wartenden Penelope wird’s nichts mehr.

Mythos und Moderne

Gürbaca operiert am offenen Herzen, dringt immer tiefer in die Figur des Odysseus ein, legt dabei gleichzeitig die Prozesse des Theaters frei, nicht nur weil der Protagonist auch ein Selbstporträt des Komponisten ist, der das Textbuch dieser Oper gleich mitverfasst hat. Dieses steckt voller literarischer Anspielungen, nimmt Bezug auf Homer, Dante und James Joyce und auch die Regisseurin erzählt Mythos und Moderne gleichzeitig. Odysseus ist eben nicht nur ein moderner Mensch, sondern er schleppt auch ein schweres mythologisches Päckchen mit sich. Je weiter wir ins Bewusstsein des Protagonisten dringen, desto anspielungsreicher werden die Kostüme. Beim Showdown in Ithaka, dem Mord an den Freiern, zitieren die Kostüme von Silke Willrett die antike Mythologie herbei, bevor Odysseus sich dieser letztlich entledigt und allein zurückbleibt: erschöpft, aber irgendwie auch glücklich.

Sinnlicher Zwölftöner

Dallapiccola greift für seine „Ulisse“-Partitur zwar auf die Zwölftontechnik Arnold Schönbergs zurück, nutzt die Reihe aber nicht primär als Tonvorrat, sondern betrachtet sie als Melodie, was ihr eine gewisse farbige Sinnlichkeit verleiht. Francesco Lanzillotta dirigiert das Stück mit ruhiger Hand, webt geduldig, achtet auf Fäden und Linien, verliert sich nie im Großen und Ganzen. Der von Tilman Michael einstudierte Chor hat als Gegenüber von Odysseus eine Hauptrolle und mit Flüstern, Sprechen und Singen viel zu tun, ist mehrfach aufgeteilt, auf der gesamten Bühne platziert und dabei immer überaus präsent. Iain MacNeil singt die hochliegende Partie des Odysseus mit leichtem, schönem Bariton, aber auch Kraft für die verzweifelten Ausbrüche. Alle übrigen Rollen sind eher klein, teilweise aber luxuriös besetzt: Claudia Mahnke als bettlägerige Antikleia, Andreas Bauer Kanabas als dauertänzelnder Alkinoos und besonders Sarah Aristidou als höhensichere, so gar nicht naive Nausikaa.

Tatjana Gürbacas Frankfurter Inszenierung von Dallapiccolas „Ulisse“ ist klug und sinnlich-theatral zugleich, die musikalische Interpretation ist vom Feinsten – doch zwei Stunden ohne Pause sind auch bei italienischen Zwölftönern ganz schön lang.
 
Weitere Vorstellungen: 1./7./10./15/.18./21.7.22

 

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