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Satans Night Show

Kommando Himmelfahrt: Paradies Lost

Premiere:  (UA)   Theater: Kampnagel
Regie: Kommando Himmelfahrt   Foto: Julia Kneuse 
Von Andreas Falentin am 10.06.2014

Die von dem Regisseur Thomas Fiedler und dem Komponisten Jan Dvorak initiierte und geleitete Gruppe „Theater Himmelfahrt“ beschäftigt sich mit der theatralischen Erforschung von politischen und wissenschaftlichen Utopien. Da passt Miltons 1667 verfasstes Versepos scheinbar schlecht ins Bild. Es erzählt von Luzifers Vertreibung aus dem Himmel, seiner Teufel-Werdung, seinem Hass, seinen Rache-Fantasien. Und wie er ein Ziel findet, im Garten Eden, bei den ersten Menschen. Und wie er Erfolg hat, als Schlange. Und wie ihm der auch nicht hilft.

Dvorak und Fiedler beschreiben ihre 75-minütige Performance als Reise in die Urgeschichte der Rebellion. Sie erforschen Ursachen, Sinn, Notwendigkeit und Berechtigung. Ihr Transportmittel ist die persönliche Tragödie des gefallenen Engels. Sarah Sandeh gibt ihn freundlich, höflich, geradezu spritzend vor Empathie, als fast privat charmanter Conferencier in eigener Sache. Diese Haltung, diese Bescheidenheit wirkt nie künstlich, wird aber an wenigen Stellen deutlich ironisiert. Faszinierend ist, wie Sandeh mit Miltons Text umgeht. Anstelle der handwerklichen Brillanz des Großschauspielers bietet sie eine Kombination aus fast wütendem Aneignungswillen, selbstgenügsamer Wurschtigkeit und tiefem Respekt vor dem Sprachkunstwerk an.

Die gewählte theatralische Form ist die des Oratoriums. Im Hintergrund der leeren, nachtschwarzen Kampnagel-Bühne sitzt die vierköpfige Band. Vorne stehen zehn Mikrofone für den „Männerchor aus dem Umfeld der 68er“. Die Herren – Durchschnittsalter 66 – tragen dunkel und sehen ansonsten genauso aus, wie man sich gesund in die Jahre gekommene 68er vorstellt. Sie bewegen sich auch so – authentisch kopfgesteuert, so individuell wie linkisch. Sie singen auf Miltons Originaltexte komponierte Lieder. Sie sind Äpfel haltend der Baum der Erkenntnis. Und sie sind Satans stumme Gesprächspartner. Im einseitigen Dialog mit ihnen entwickelt er sein Rebellionskonzept. Es geht nicht ums Gewinnen, kann es ja gar nicht gehen. Gegen Gott kann man nicht gewinnen. Es geht um kleine Schritte, um Bewusstsein der Fremdsteuerung, um das wachsende Bedürfnis, sich einer „Harten Freiheit“ aussetzen zu wollen. Ein – brandaktuelles! - Ziel, das Satan selber nicht erreichen kann. Zu stark ist sein Hass.

Der kurze Abend hat keine Längen, trotz der atmosphärisch starken, aber beliebig wirkenden Videos von Carl-John Hoffmann. Er lebt von Thomas Fiedlers puristischer, fast rotzig aufs Wesentliche konzentrierter Einrichtung, von Jan Dvoraks mal rockiger, mal psychedelischer Musik, von Charme und Einsatz der zehn Laien, von Sarah Sandehs verschämt eitler Uneitelkeit. Von Miltons überraschend frischem Text. Und von sich wie von selbst ereignendem abgründigem Humor. Wenn ein Teufel in Gestalt einer jungen Frau auf offener Bühne zehn Alt-68er zur Rebellion aufstacheln will, ist das auch und vor allem – komisch.

„Paradise Lost“ erreicht nicht die Stringenz und sinnliche Kraft des Vorgängers „Leviathan“. Aber als so ernsthafte wie originelle Anleitung zum Nachdenken über uns und alles hebt sich das Projekt sehr angenehm aus den unzähligen Dekonstruktionen und Anverwandlungen epischer und lyrischer Texte heraus, die in den letzten Jahren die Bühnen überschwemmt haben.

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