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Musiktheater,

Satan und andere Charmeure

Bohuslav Martinu: Messertränen/Zweimal Alexander/Komödie auf der Brücke

Theater:Oper Frankfurt, Premiere:04.07.2015Regie:Beate BaronMusikalische Leitung:Nikolai Petersen

Ein Mann fährt Fahrrad auf der Bühne. Sein Bart reicht ihm bis zum Rücken und weht im Fahrtwind lustig über seiner linken Schulter. Das Zimmermädchen verkleidet sich als Eisbär und deutet das Schicksal ihrer Madame. Nein, das Absurde kam diesen Samstag bei der Inszenierung dreier Einakter von Bohuslav Martinu im Bockenheimer Depot in Frankfurt nicht zu kurz. Beate Baron, die ihr Regiedebüt in Frankfurt gab, inszenierte die drei selten gespielten Opern „Messertränen“, „Zweimal Alexander“ und „Komödie auf der Brücke“, alle drei in Martinis Pariser Zeit entstanden.

Der Abend beginnt mit „Messertränen“, einem kleinen psychoanalytischen Leckerbissen aus dem Jahre 1928. Mutter und Tochter sind aneinander gebunden und in ihrer Bindung gefangen – ein roter wallender Stoff, unter dem beide stecken, lässt keine von ihnen frei. Doch die Tochter verliebt sich in einen Erhängten, wird von Satan selbst umgarnt und schließlich ihrer Naivität beraubt. Die parabelhafte Handlung von der Emanzipation der Tochter wäre lange nicht so attraktiv, wäre nicht Satan der Charmeur schlechthin. Sebastian Geyer tritt mit Zirkus-Schnauzer und schmalzigem Bariton als dadaistische Version des Amor auf, fragt sich in seiner selbstverliebten Art, was die Liebe ist, und bringt die Verführung.

„Zweimal Alexander“, das neun Jahre nach dem düster-dadaistischen Stück „Messertränen“ entstand, reiht in schneller Abfolge Stimmungen aneinander, baut Motive auf, um sie im nächsten Moment mit neuen wieder zu unterbrechen, lässt den Zuhörern keinen Platz zum Verweilen, drängt voran. Die Handlung besteht zunächst aus einer Treue-Probe: Alexandre (auch hier als Verführer überzeugend verkörpert von Sebastian Geyer) will die Treue seiner Ehefrau Armande testen und verkleidet sich als sein eigener Cousin, um sie zu verlocken. Und Armande, alles andere als tugendhaft, (etwas verhalten gesungen von Anna Ryberg) steigt tatsächlich mit dem angeblichen Cousin ins Bett. Vorher liebäugelt sie noch mit einem Bekannten und lässt sich von ihrer Bediensteten (mit lustvollem Alt: Katharina Magiera) mit Küssen bedecken. Plötzlich schaut der Doppelgänger ihres Mannes aus den Porträtbildern an der Wand, kommentiert das Geschehen und lässt gelegentlich die inneren Gedanken der Figuren verlauten. Und auch er trägt wieder den Bart, der ihm bis zum Schritt reicht, und den er immer wieder auf seine Schulter zurücklegt. Am Ende verweigern sich die Handlungsmotive jeglicher Eindeutigkeit – und die Überzeugungskraft der Waffe gewinnt.

Zugegeben: In der Verwirrung liegt der Spaß – nicht zufällig erinnert der Einakter an Mozarts „Così fan tutte“. Die Versuchung ist also groß, noch mehr Verwirrung hereinzubringen, um den Spaß zu maximieren. Doch Maximum ist nicht gleich Vielfalt. Barons Inszenierung verstärkte die Überforderung, ohne daraus etwas Neues zu gewinnen. So steht man vor der Aufgabe, das Gewusel auf der Bühne zu erfassen, statt den heimlichen Implikationen und der ungewöhnlichen Musik zu folgen. Die aber ist alle Aufmerksamkeit wert. Sie wirkt illustrierend, fast ein wenig aggressiv; und trotzdem kann sie stellenweise überraschend sensibel, mitfühlend daherkommen. Martinus Repertoire an Stimmungen, Rhythmen und Instrumenten (Banjo-Töne treffen auf Klavierverläufe, ein Akkordeon wird auf der Bühne gespielt) ist groß, die Einfälle wirken wie sorgfältig verteilte Farbspritzer auf einer Leinwand.

Im dritten Einakter, „Komödie auf der Brücke“, konzentriert sich der Komponist dagegen mehr auf die Gesamtform. Das kurze Werk hat Martinu 1935 als „Komische Funkoper“ für den Prager Rundfunk geschrieben. Die Bilder wurden hier ursprünglich in die Köpfe der Zuhörer ausgelagert. Beate Baron holt sie behutsam auf die Bühne – und das sehr erfolgreich. Das Absurde wird hier ebenfalls eleganter verpackt: Zwei Paare treffen auf einer Brücke zwischen zwei feindlichen Lagern aufeinander und werfen einander Untreue vor. Die Figur des Schulmeisters aber, engagiert gesungen von Tenor Simon Bode, sorgt sich allein um ein Reh, das von einem Zaun umgeben, nicht herauskommen kann.

Die „Komödie auf der Brücke“ war Barons stärkste, pointierteste und überzeugendste der drei Arbeiten an diesem Abend. Konsequent blieb sie beim Vorbild der statischen tableau vivants und spürte so der stückspezifischen Zeitlichkeit nach. Ihre durch die Kostüme (Gwendolyn Jenkins) kontrastierten Bilder schufen Zeitsprünge, die das Geschehen mal rückblickend, mal vorgreifend erzählten. Nur wenn Schüsse fielen, durften die Figuren alle durcheinanderlaufen – da griff das Konkrete des Kriegszustands in die Leben der Figuren ein.

In dem ästhetischen Bruch lag eine inszenatorische Entscheidungskraft. Baron erschuf hier ein bildhaftes Narrativ, ließ dadurch Martin?s Musik ebenfalls viel mehr Eigenleben und brachte den Abend zu einem gelungenen Abschluss. Mitgefiebert wurde an diesem Abend bei 38 Grad Celsius übrigens wörtlich, und der Applaus fiel kräftig aus.