„Der Reigen“ bei den Salzburger Festspielen
Schauspiel,

Sammelsurium

Nach Arthur Schnitzler: Reigen 2022

Theater:Salzburger Festspiele, Premiere:28.07.2022Regie:Yana Ross

Ein bisschen Mogelei ist schon im Spiel, auch wenn angemessenerweise „nach Schnitzler“ als Autorenzeile vermerkt ist für den „Reigen“, den jetzt das Ensemble des Züricher Schauspielhauses in der „Szene“-Spielstätte der Salzburger Festspiele zeigt. Regisseurin Yana Ross, selbsterklärte „Nomadin“ des internationalen Regietheaters, geboren in Moskau, aufgewachsen in Lettland, ausgebildet in den USA und mittlerweile, mit enorm viel weltweit gesammelter Erfahrung, Teil vom Regie-Team, das Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg am Schauspielhaus in Zürich versammelt haben, gehört schon zur zweiten Generation nach zum Beispiel Frank Castorf, bei dem ja „nach Goethe“ oder nach wem auch immer stets auch bedeutete, dass das Original präsent blieb, bereichert und/oder beschädigt, aber vorhanden; inszeniert wurde zwar „nach“, aber eben auch noch „mit“. Davon haben Yana Ross (oder immer wieder der Kollege Simon Stone) nun schon eine Weile Abschied genommen: „Nach Schnitzler“ bedeutet beim nur noch so genannten „Reigen“ vor allem „statt Schnitzler“. Wer gut aufpasst, kann noch einzelnen Motiven auf der Spur bleiben, läuft aber selbst dann recht oft ins Leere. Zehn Autorinnen und Autoren, bekanntere wie Sofi Oksanen, Jonas Hassen Khemiri oder Lukas Bärfuss, aber auch unvertraute Stimmen, die sich erst noch durchsetzen wollen, haben Schnitzlers zehn Szenen um Liebe, Zwang und Erotik „überschrieben“; kenntlich geblieben sind im (für Schnitzler) günstigsten Fall Motive und Konstellationen.

 

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Wenig Bewegung

Lydia Haiders Eröffnung immerhin hört sich noch sehr entfernt nach jener Sprache und Schreibe an, wie sie vor über hundert Jahren zu hören gewesen sein mag auf den mutigen Bühnen, die den „Reigen“ aufzuführen wagten – aber auch bei Haider klingt Schnitzler wie Fremdsprache pur, nur in Brocken verständlich. Da steht zu Beginn also ein schönes Plädoyer dafür, dass Schnitzler überschrieben oder wenigstens sprachlich bearbeitet werden muss. Die radikalste dramaturgische Idee des Arztes und Dramatikers aber hat Ross derweil komplett geopfert. Der Reigen im Liebes- und Geschlechterkampf ist nämlich im Wortsinn gar keiner mehr – während er im Original gnadenlos und unausweichlich ist: A trifft B, B dann C, C gleich darauf D und so weiter; bis zum Schluss mit A wieder alles von vorn beginnt. Das ist kaum zu toppen; Yana Ross versucht es denn auch gar nicht. Zehn mehr oder weniger gut geschriebene Szenen über den Umgang der Geschlechter miteinander bieten natürlich eine ganze Menge Stoff – sind aber kein „Reigen“. Auch hier wird ein bisschen gemogelt.

Zwar begegnen wir der Prostituierten aus der ersten Szene zum Schluss wieder, und auch dem Soldaten aus Szene 2 – die Konsequenz in Schnitzlers Partnertausch-Logistik hat aber hier nicht wirklich interessiert. Marton Ághs Restaurant-Bühne mit zwei Dutzend Tischen, verdoppelt in einem geteilten Spiegel-Segment über der Bühne, das auch als Projektionsfläche für Videos genutzt werden kann, gibt vor, wie offen der Raum ist im „Reigen“-Denken; wen interessieren schon Zimmer und Bett? Gern wird auch mit mehr als zwei Personen agiert. Allerdings bleiben am deutlichsten die Eins gegen-Eins-Begegnungen in Erinnerung: der Computer-Nerd und das Mädchen vom Futter-Service; die Hausfrau und Mutter, die in einer alptraumhaften Szene gern all ihre Lieben niedermetzeln würde, für fünf Minuten nur, um dann womöglich zur Nachbarin am Nebentisch zu flüchten; ein Streit um Missbrauch vor Gericht; zwei deutlich lesbische und auch sehr schmerzhafte Paarungen (ungerechterweise aber keine zwischen Männern – warum eigentlich nicht?); Schauspielerin und Regisseur mit allen bekannten Klischees im Clinch um die Karriere; schließlich die Begegnung eines Bodenschätze-Dealers („der Graf“ im Original) vor dem „shootout“ mit der Glock-Pistole.

Mittendrin, und ganz überraschend, führt nur eine feine kleine Szene mit Ehepaar zwischen Aperitif und Nachspeise ein bisschen zu Schnitzler zurück, denn die beiden zweifeln sehr elegant, ob die Ehe weitergehen kann wie bisher nach zwei Jahren pandemischen Aufeinander-Hockens. Um Sex aber (wie bei Schnitzler, wo jedes Dunkel ein Akt war) geht es nie. Dafür (natürlich) um Russland und die Ukraine – ein junger Mann, der noch in Russland studiert, fragt die eigenen Eltern danach, was eigentlich 1968 bedeutet hat für die beiden; und dabei bricht so viel Nicht-Verstehen zwischen den Generationen auf, dass der Sohn den Eltern mitteilt, dass er ein Land, das Krieg führt ohne jede Rücksicht, sein Land, bald verlassen wird. Frau und Kind sind schon weg, er wird folgen. Die Szene ist im russischen Video-Original zu sehen; die drei russischen Darsteller stoßen zum Schluss zum Ensemble.

 

Wenig Druck

Die Züricher Truppe ist unbedingt eindrucksvoll – aber wie stark sich Sibylle Canonica und Michael Neuenschwander, Lena Schwarz oder Matthias Neukirch und alle anderen auch hinein phantasieren in das zuweilen eher mürbe Material, lösen können sie das zentrale Problem des Abends nicht. Hier fehlt der zwanghafte Dauer-Druck der Schnitzler-Dramaturgie, die ja alle Zeichen einer medizinischen Versuchs- und Labor-Anordnung aufweist; hier fehlen fast durchweg Dichte und Dynamik, die das Original zu bieten hat. Auch Werner Schwab, der Wüterich der Wörter, hatte sich einst Schnitzlers Klassiker vorgenommen, „Der reizende Reigen – nach dem Reigen des reizenden Herrn Arthur Schnitzler“ war vor 25 Jahren auch schon eine frühe Überschreibung. Jetzt aber ist an die Stelle einer ganzen Menge von Herausforderungen nicht viel mehr getreten als ein Sammelsurium.