Und die Musik? Die braust unter der kundigen Leitung des Chemnitzer Generalmusikdirektors Frank Beermann mächtig auf, wobei Beermann nicht jede Möglichkeit zum triumphalen Knalleffekt nutzt, oft bewusst eine mildere Gangart wählt. Dadurch werden feinste Klangmischungen hörbar. Es gibt singende Flöten, exotisch knisternde Flächen, frappierende rhythmische Auftürmungen. Und man merkt, wo sich Kollegen Meyerbeers für ihre Stücke bedient haben, von einschlägigen Italienern über Bizet bis zu Wagner. Heute wäre so ein Kopieren und Einfügen sicher justiziabel und würde ganze Anwaltschaften in Lohn und Brot halten.
Frank Beermann gelingt eine nahezu perfekte Umsetzung der komplexen Partitur, der Musikwissenschaftler Jürgen Schläder hat aus dem gesamten Notenmaterial eine so noch nie zu hörende, mit Pausen knapp fünfeinhalbstündige Fassung erstellt.
Recht ordentlich waren die von Simon Zimmermann einstudierten Chöre, durchgehend exzellent das Solistenensemble. Bernhard Berchtolf meistert die ungeheuren Anforderungen der Titelpartie mit Ausdauer und Schönklang, Guibee Yangs jugendlich-glasklare Inès ist ebenso eine Wucht wie Claudia Sorokinas formschön schmachtende Sélika und der grimmig brummende Nélusko von Pierre-Yves Pruvot. Seine Rolle rutscht übrigens szenisch immer mal wieder in den Buffo-Bereich, was Musik und Text vermutlich so nicht intendierten. Im eher kargen Bühnenbild von Markus Meyer werden die Sklaven anfangs in einem Glaskasten zur Schau gestellt, später befindet dort eine Pflanze, an deren Duft beide sterben. Videoeinblendungen deuten die jeweiligen Spielorte an. Die sehr unterschiedlichen Frauen nähern sich einander im Laufe des Abends nicht nur kleidungstechnisch zunehmend an – ein schöner Kommentar zu Fremdheitsstereotypen.
Erfreulicherweise wird „Vasco de Gama“ auf CD festgehalten. Wenn man Relevanz und Umfang dieses Projekts betrachtet, so darf man mit Fug und Recht von Chemnitz als einem sächsischen Paris sprechen. Den reizvolleren Spielplan (was Neuproduktionen betrifft) als die von Nicolas Joel geleitete Opéra de Paris hat Chemnitz ohnehin.
