Da können sich die anderen noch so anstrengen und dem Affen Zucker geben mit allerlei Geschrei und Akrobatik des über die Tische Sich Werfens und Wälzens, mit manchmal zäh Improvisiertem oder wüst Choreographiertem. Zar Berendej (ein mächtig viril auftrumpfender Tenor: Long Long) hat immer wieder seinen großen Auftritt, die Frühlingsfee der Gina-Lisa Maiwald besitzt so gar nichts Ätherisches, sondern ist immer ein paar Plus-Grade zu laut, zu hitzig, zu hysterisch. Aber das hat System, macht aus Misgir (Thorbjørn Bjørnsson) einen hyperaktiven Wilden, der seine Triebe nicht in den Griff kriegt, die Verlobte in die Taiga schickt und mit allen Mitteln versucht die Schneeflocken zu fassen, während Vater Frost (der 82-jährige Günter Schanzmann) einen herrlich vitalen Greis mimen darf und Oleg Dvydov als Bojar Bermjata wohltuend zurückhaltend agiert.
Großes leistet ein kleines Orchester aus fünf Streichern, Saxophon, Tuba/Posaune, Akkordeon, Schlagzeug und Klavier. Rimski-Korsakows Partitur, die im Original dreieinhalb Stunden dauert und hier auf geschätzt eine Stunde verdampft ist, wird in keinem Moment Gewalt angetan, vielmehr entfaltet sie so einen ganz besonderen Reiz, klingt es mal nach Zigeunerkapelle, mal nach russischem Tanzboden. Noch in der Reduktion oder bei versprengen Akkorden und Rhythmen, die schon mal ins 21. Jahrhundert zielen können, verströmt die Musik eine ähnliche Magie wie sie das Schneeflöckchen in sich trägt.
Wenn es heißt: „So und jetzt müssen wir leider unsere Sopranistin opfern“, denkt man leider zu Unrecht: „Ah, das Finale!“ Denn nun weitet sich das Geschehen in den Weltraum und noch einmal darf die allgegenwärtige Kamera nah an die Darsteller ran, wird alles auf einen großen Gazevorhang projizieren, diesmal sehr witzig und echt wirkend das Geschehen in der Schwerelosigkeit einer Raumkapsel. Am Ende klettern alle durch eine Feuerschutztür nach draußen; nur kurz leuchten die Stufen einer der drei kleinen Leitern noch rot auf. Doch wie heißt es so schön am Ende aller Märchen: „Und wenn sie nicht gestorben sind…“
