Die Frage von Recht haben und Rechthaberei tanzt dem Zuschauer vor Augen, dass es ihm ganz schwindlig wird. Die große Volksversammlung, bei der die Gegenspieler schließlich wortgewalttätig aufeinander prallen, bringt keine Erlösung – aber mächtig theatralischen Effekt. Während auf der Bühne der Bruderzwist zur Staatsaktion aufzusteigen scheint, hat sich im Parkett ein „Volk“ der aggressiven Zwischenrufer eingeschlichen, das dem aufklärerischen Pathos mit Prügelstrafe begegnet. Für Momente der Irritation beim kabarettistisch geschulten Publikum, das zuvor in solidarischer Erheiterung reagiert hatte, reichte das durchaus. Die abgezapfte Energie des Authentischen, die bei Rimini-Protokoll oder Volker Lösch zur großen Qualitäts-Marke von Theater geworden ist, bleibt in dieser eingeschobenen Portionierung allerdings doch nur ein amüsiert zur Kenntnis genommenes Simulations-Spiel.
Spannend ist die Aufführung allemal, denn Werner Müller knüpft geschickt die vielen Fäden – Verbindungen zwischen Familiendrama und Idealistentrauma, von Polit-Thriller und Gesellschaftsporträt – zum Netzwerk, das auf immer weiter aufgerissener Bühne Ibsens Quasi-Klassiker als große Metapher für schlagkräftiges Gegenwartstheater trägt. Nach zwei pausenlosen Stunden gab es dafür viel Beifall mit besonderem Jubel für den Jeans-Doktor mit dem gewissen Gewissen.
