Ensemblebild, Amor mit rotem Pfeil zu erkennen, darum herum mit erhobenen Armen Opernsänger:innen, Chor und Tänzer:innen

(K)ein Spaß mit der Liebe

Jean-Philippe Rameau: Platée

Theater:Theater Hagen, Premiere:24.01.2026Regie:Anja KühnholdMusikalische Leitung:Nicholas KokKomponist(in):Jean-Philippe Rameau

Am Theater Hagen inszeniert Anja Kühnhold Jean-Philippe Rameaus Ballettkomödie „Platée“ über die von den Göttern verspottete Sumpf-Nymphe. Gesang, Tanz, Musik und Choreografie greifen ineinander und die Inszenierung unterhält und bewegt gleichermaßen.

Wie blauäugig kann Liebe sein? Sehr! Und wie blind machen Eifersucht, Verlangen oder tief empfundene Zuneigung? Aus diesem emotionalen Gefühls-Topf hat Jean-Philippe Rameau eine vergnügliche, barocke Ballettkomödie mit viel Albernheiten geschrieben – wahnsinnig abwechslungsreich, unterhaltsam und tiefsinnig inszeniert am Theater Hagen.

Darin erlauben sich die Götter der Antike einen schlechten Scherz mit der Sumpf-Nymphe Platée, der die Unvollkommenheit der Liebe offenbart. Platée, keine klassische Schönheit, aber sehr von sich überzeugt und getäuscht in der eigenen Selbstwahrnehmung, wird zum Opfer eines perfiden Plans. Durch eine Scheinhochzeit mit Jupiter – Dong-Won Seo, der das Spiel amüsiert-gelassen nimmt – soll dessen Frau Juno erkennen, dass ihre Eifersucht grundlos ist. So beginnt die Komödie über den Reiz der Schönheit, menschliche Sehnsucht, die Fehlbarkeit des Olymps, die (Un)perfektion von Liebe.

Pomp und Götterwelt

Mit viel Pomp, der herrscht ja in der Götterwelt, geht es zu und her auf der Bühne mit den Solist:innen, Chor, dem Ballett-Ensemble des Theaters und Philharmonischen Orchester Hagen. Anja Kühnhold verlegt die ständische Götter-Gesellschaft in eine luxuriöse Business-Hotelwelt. Die simpel gehaltene Kulisse – verschiebbare Treppenelemente, Gebäudebögen, die unterschiedliche Schauplätze mimen, ein Tresen, eine Couch – erlaubt bewegliche Szenenwechsel auf der Drehbühne.

Kühnhold rahmt die Inszenierung mit Juno und Jupiter, die auf ihr Liebesleben, ihre Hochzeit zurückblicken, auf den Streich mit Platée. Thespis (Anton Kuzenok), Thalie (Angela Davis), Momus (Hagen-Goar Bornmann) und Amor (Nike Tiecke) fädeln das Schauspiel ein, überzeugen Jupiter, sich Platée gegenüber unsterblich verliebt zu geben. Das Ganze zeugt allein auf die Verführung äußerlicher Reize, denn Platée (Theodore Browne) ist weniger normschön als ein tollpatschiges, naives Dienstmädchen in Baby-Blau, das kleinsten Flirts verfällt. In der Besetzung schafft der Tenor allein mit seinen Gesichtsausdrücken Welten, stimmlich die schwere Partie vom originalen haute-contre Tenor, einer Besonderheit der französischen Barockoper, wahnsinnig übertrieben leidend und aufgeregt mimend.

Detailvolle Drehbühne

Im Graben lässt Nicholas Kok die Musik mit den Gefühlen spielen, mit starkem Basso Continuo, ausgespielter Frische und zwischen zweitem und dritten Akt eingebauten Tamburin-Intermezzo, ein wirkungsvoller ästhetischer Stilbruch. Während musikalischer Zwischenspiele enthüllen sich auf der fahrenden Drehbühne in versteckten Winkeln des Bühnenbilds (Ausstattung: Julia Katharina Berndt) Details, die die Story vertiefen, die Vielschichtigkeit der Figuren zeigen.

Eine darstellende Person im babyblauen Kleid wird von vier Tänzer:innen umringt

Theodore Browne als Platée ganz hinten im Gefühlschaos aus Lázaro Sierra Cairo, Camille Zany, Maria Sayrach Baró, Quentin Nabor. Foto: Leszek Januszewski

Da ist die schon ergraute Juno in Zwiesprache mit einer Tänzerin als ihrem jungen Selbst, oder Kenneth Mattice als Cithéron, der eigentlich das ganze anzettelt, sich dann aber mehr und mehr seiner eigenen Gefühle für Platée bewusst wird, oder Nike Tiecke, neues Ensemblemitglied seit dieser Spielzeit, die als Amor und Bedienstete Platées immer weniger Spaß an dem Bluff hat.

Verkörperte Emotionen

Absolut verdient ist hier die Bezeichnung Ballettkomödie, da dem 13-köpfigen Hagener Ballettensemble nicht bloße Verzierung zukommt, sondern klare Rollen. Die Tänzer:innen Lázaro Sierra Cairo, Camille ZanyMaria Sayrach Baró, Quentin Nabor sind personifizierte Charakterseiten Platées, alle erst noch im kindlich-naiven Gefühlsausdruck kostümiert: qietschbunt für hoffnungsvolle Liebesfantasien, gothic-schwarz und blau für zaghafte Unsicherheit und Melancholie hinter bisher unerfüllter Hoffnung.

beleuchtet in der Mitte eine Frau im blauen Glitzerkleid, darum herum ein posierendes Ensemble

Angela Davis als La Folie. Foto: Leszek Januszewski

Am Ende tragen die Tänzer:innen, die sich schon zuvor mit abgespreizten Gliedmaßen mal übertrieben tippelnd, mal eher im gruseligen Zombie-Tanz bewegen, schwarze gefiederte Flügel über angedeutete Hochzeitskleidern. Der Spaß ist zu groß, sich über Gefühle lustig zu machen. Und wenn La Folie, Angela Davis als strahlend-glitzernder Wahnsinn, die Täuschung der Liebe verspottet, zeigen die Tänzer:innen um sie herum in kaltem stahlgrau ihre Skrupellosigkeit.

Lebendige Choreografie

Dass Giovanni de Domenico ein erfahrener Musical-Choreograf ist, merkt man: kein statischer Chor (Einstudierung: Julian Wolf), fließend-sitzende Bewegungen der Darstellenden. Die Barockmusik aus dem Graben passt zur leichten Komik. Zum Höhepunkt des Streiches zur Hochzeit erscheint La Folie schließlich auch mit gepuderter Perücke als barocke Glitzerfee, bevor die erst wütende Juno – Hyejun Melania Kwon, die in einer der wenigen Szenen als einzige Darstellerin mit dem kleinen Part wirkungsvoll überzeugt – sich der Täuschung bewusst wird.

Platée ist am Ende etwas gewachsen, verläßt die über sie lachende Gesellschaft weniger naiv-blauäugig als enttäuscht aus der Fantasie erwacht und schließlich hoch erhobenen Hauptes. Juno und sie verabschieden sich vor der Tür mit einer leichten Berührung, sie sind eigentliche Verbündete, keine isolierten Rollen im Spiel. Der Spaß ist um, das Publikum begeistert.