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Musiktheater,

Putziges aus dem Biedermeiersetzkasten

Richard Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg

Theater:Salzburger Festspiele, Premiere:02.08.2013Regie:Stefan HerheimMusikalische Leitung:Daniele Gatti

Die Zeiten, in denen der wilde Norweger Stefan Herheim das Salzburger Festspiel-Publikum mit einer entfesselten „Entführung aus dem Serail“ auf die Palme brachte, sind längst vorbei. In den zehn Jahren, die seitdem vergangen sind, ist er in die erste Reihe der begehrtesten Regisseure aufgerückt und hat dabei mit seinem durchreflektierten, mehrere Perspektiven überblendenden „Parsifal“ auch ein Kapitel Rezeptionsgeschichte in Bayreuth mitgeschrieben. Vor allem hat er sein phantasievolles Wundertüten-Theater zur Perfektion getrieben, woran freilich seine magische Raumzauberin Heike Scheele und Gesine Völlm mit ihren Kostümen (auch im aktuellen „Meistersinger“-Fall) einen erheblichen Anteil haben. Herheims opulentes Zaubertheater ist längst eine Marke, die verblüffend gut funktionieren kann. Im Falle Wagner auch bei seinem letzten Endes in Oslo gelandeten „Tannhäuser“.Wenn er aber den Bogen narzisstisch überspannt, dann drohen die Stücke auch schon mal an sich selbst zu ersticken. So wie seine Salzburger Osterfestspiel-„Salome“ oder die gerade in Dresden angekommene „Manon Lescaut“.

Nach der Premiere der neuen, nach 75 Jahren ersten „Meistersinger“ bei den Salzburger Festspielen bleibt als Fazit: Wenn überhaupt Biedermeier, dann mit Herheim. Denn diese putzige Setzkastenoptik und Puppenspielerperfektion ist so nur bei ihm zu haben. Bleibt die Frage, ob man gerade diese Oper aus ihrer Rezeptionsgeschichte so herauslösen kann, wie Herheim und sein Team es jetzt gemacht haben. Dass man sich in Österreich 2013 nicht auf noch eine Deutschstunde einlassen will, mag angehen. Sich das Premieren-Jahr der Vorgänger-Inszenierung 1938 (!) als Bezugspunkt entgehen zu lassen, ist aber schon erstaunlich. Bei der gegenwärtig in Bayreuth dominierenden Dramaturgie wäre so was kaum noch vorstellbar.

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Dabei sind Herheim und sein Dramaturg Alexander Meier-Dörzenbach natürlich klug genug, am Ende wenigstens eine klitzekleine dialektische Pointe einzubauen. Auch wenn man die beinahe übersehen kann. Hans Sachs ist hier der zentrale Protagonist und der Schöpfer der Oper. Man sieht ihn während der Ouvertüre wie von Carl Spitzweg eingekleidet mit einer Nachtmütze auf dem Kopf und mit Feder und Papier in der Hand in seiner Schusterstube herumwuseln und eine Idee zu Papier bringen. Er erfindet sich daher als Sachs/Wagner auch seinen eigenen Beckmesser. Versucht so also, doch um Eva zu werben. Bei Herheim fällt es Sachs ziemlich schwer, auf Eva zu verzichten. Er hat in seiner Schusterstube ein Porträt von ihr auf der Staffelei, bei dessen Anblick sogar Eva mitbekommt, was das bedeutet, und in einem Weinkrampf zusammenbricht. Wenn sich Sachs sein Alter Ego kreiert, steht er neben Beckmesser, wenn der sich windet, nachdem er beim Diebstahl des Preisliedes ertappt wurde. Sachs singt da (stumm) für sich auch dessen Text mit. Was übrigens biographischen Witz hat, denn Michael Volle war in den ersten Jahren Katharina Wagners ins progressive gewendeter Beckmesser in Bayreuth!

Wenn dann auf der Festwiese der gescheiterte Beckmesser langsam auf Sachs zugeht, sieht es aus, als begegne der plötzlich sich selbst. Nach seiner Schlussansprache in der Einsamkeit eines Lichtkegels setzt er sich obendrein den Siegeslorbeer selbst auf. Doch er erschrickt vor dem Echo, das seinen Gedanken von den Massen entgegenkommt. Er bricht zwischen ihnen zusammen. Wenn sich dann der Chor wieder teilt, dann sieht man wieder einen Mann im Spitzweg-Schlafrock des Anfangsbildes. Doch jetzt ist es Beckmesser, nicht Sachs, der sich erhebt und die Geschichte fortschreibt.

Neben dieser Fokussierung auf die Lebensproblematik des verwitweten Handwerker-Künstlers Hans Sachs sind diese „Meistersinger“ ein szenisches Verblüffungsfeuerwerk, das Heike Scheele abfackelt. Und das für sich genommen fabelhaft aufgeht. Sie beherrscht nicht nur die gefährlich breite Bühne des Großen Festspielhaues, sondern spielt virtuos damit. Die detailverliebt im Panoramablick aufgefächerte Schusterstube ist das eine. So wie sie ist, wird sie nur im ersten Bild des dritten Aufzuges bespielt. Sonst aber werden Teile des Zimmers als Ort des Geschehens gewissermaßen herangezoomt. Damit werden (das muss man fairerweise erwähnen) die von Claus Guth und Christian Schmidt schon vielfach variierten Vergrößerungen der Interieurs und die damit einhergehende Verkleinerung der Menschen virtuos weiterentwickelt. Da entpuppt sich der Aufsatz des Sekretärs als Kirche. Die beiden Schränke werden zu den Häusern von Sachs und Pogner. Die Regale in der Schusterstube sind der Hintergrund der Festwiese. Bei der Prügelei, in Beckmessers Erinnerung daran, und auf der Festwiese marschiert jedes Mal das Grimmsche Märchenpersonal auf. Das ist putzig, verkleinert die Festwiese aber auch inhaltlich vollends auf einen Biedermeiersetzkasten. Wenn die jungen Leute rechts in der Spielecke mit (Herheims eigenem, oft erwähnten?) Puppentheater alles durchspielen, was links daneben passiert, ist das obendrein ein wenig eitel. Aber was solls, hier gilt’s der Kunst, oder sagen wir besser: dem Schauwert. Unterhaltend ist das alles. Im dritten Aufzug geht es darüber hinaus und wird ergreifend.

Während auf der Bühne also gezaubert wird, geht es im Graben bei Daniele Gatti und den Wiener Philharmonikern eher grob zur Sache, denn zum Klangwunder werden diese „Meistersinger“ nicht. Kann schon sein, dass die Erwartungshaltung zu hoch ist, wenn man vorher gerade in Bayreuth von Christian Thielemann und Kirill Petrenko in zwei verschiedenen, gleichwohl exemplarischen Lesarten vorgeführt bekam, wie wundersam Wagner klingen kann. Gatti gehört nicht zu den Könnern dieses Formates, und die Akustik des Salzburger Festspielhauses hilft da auch nicht viel. Aber auch vokal kommt dem darstellerisch und stimmlich fabelhaften Michael Volle als Sachs von den Meistern nur Georg Zeppenfeld als Pogner nahe. Roberto Sacca hat als Märchenbuch-Walther-von-Stolzing bei seinen Preisliedern Glück, dass Gatti ihm den Vortritt lässt. Markus Werba bewältigt seinen Beckmesser mit Anstand. Gänzlich indiskutabel ist (zumal bei Kartenpreisen bis in den 400-Euro-Bereich) die Eva von Anna Gabler. David (Peter Sonn), Magdalene (Monika Bohinec) und die übrige Meistersingerriege und die Lehrbuben sind solide.

Dieser Salzburger „Meistersinger“-Tribut ans Jubiläumsjahr entspricht dem, was die zu Ende gehende Ära von Alexander Pereira den Salzburger Festspielen, an sommerlicher Luxus-Unterhaltung ohne viel Risiken und Nebenwirkung gebracht hat.