Mehr und mehr wird das Publikum direkt involviert und unmittelbar einbezogen. Hierzu fallen einige Spieler vorm heruntergelassenen Vorhang aus ihren Rollen zur Zuschaueransprache, schildern ihre persönlichen Erfahrungen im gegenwärtigen Dresden, ihre Meinung über Pegida. Schauspielstudentin Andrea Weis will nur noch die Ausbildung abschließen, dann Reißaus nehmen. Antje Trautmann hält einen eindrücklich-anklagenden Monolog über das allumfassende Schweigen, das Nichtaufstehen und das Versagen der sächsischen CDU-Landespolitik. Das führt zu zahleichen Szenenapplausen, wobei dem Publikum angeraten wird, nicht zu klatschen, sondern montags lieber zur Gegendemo zu gehen. Zum Schluss hin steigern sich Ben Daniel Jöhnk – schon als Graf ein viriler Charismatiker – und Lea Ruckpaul zu einem absurd wirkenden Rededuett. Pegida sei das eigentliche Opfer eines „faschistischen“ BRD-Systems, das das Land durch „ausländische Invasoren“ vernichtet, ist da zum Beispiel zu hören. Wie sich Ruckpaul gestisch grotesk mit immer sexualisierter werdender Energie gegen „Gender-Wahnsinn“ und „überzogenen Sexualscheiß“ in die Hysterie geifert, ist großartig gespielt. Wenn man nicht wüsste, dass das alles Redefragmente der in Wahrheit noch vulgärer auftretenden Pegida-Galionsfiguren Lutz Bachmann und Tatjana Festerling sind, wäre das feinstes Kabarett.
Gut gebaut und toll gespielt, bleibt vom Abend der Charakter eines Lehrstücks zurück, das die Mühen knallharter Agitation mit Leichtigkeit nimmt. Hier muss keiner erst überzeugt werden. Der Saal feiert sich – und zu Recht Regie und Schauspieler – in der Selbstvergewisserung, dass es noch Widerspruch gibt. Pegida selbst wird man damit nicht erreichen. In Zeiten aber, wo hier Stadtspitze und residierende Landesregierung zu Aufmärschen und Übergriffen schweigen, ist das unerhört genug. Das Staatsschauspiel positionierte sich als einer von ganz wenigen städtischen Akteuren von Anfang an klar gegen Pegida. Da ist dieses geradlinige Contra-Manifest Volker Löschs als kraftvolle Demonstration des Neins nur konsequent. „Ich will ein Theater, das die Wirklichkeit verunmöglicht“, ruft Antje Trautmann frustriert wütend in den Saal. Hiervon, von einer neuen Form politischen Theaters, war beim perspektivisch etwas aufgefächertem alten Agitprop-Rezept nichts zu erfahren. Vielleicht aber ist es ein Anfang für Dresden, muss die Form auch einmal notwendig dem Inhalt folgen, wenn sich das Theater hier den demokratischen Ort und Akteur nicht nur behaupten will.
