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Paartherapie unter Sonnenblumen

Benjamin Britten, John Casken, Henry Purcell: Summernightdreamers

MusiktheaterPremiere: Theater: Theater Heidelberg
Regie: Andrea Schwalbach  Musikalische Leitung: Elias Grandy   Foto: Susanne Reichardt/Theater Heidelberg 
Von Andreas Falentin am 04.10.2020

Das Pasticcio erweist sich im Musiktheater als eine Art Format der Stunde. Man nimmt Material aus mehreren Werken und versucht daraus ein neues zu schaffen. Ein Vorteil in Corona-Zeiten: Es lassen sich Anforderungen, lässt sich Aufwand dosieren. Den "Summernightdreamers" merkt man das kaum an. Die 75 pausenlosen Minuten sind recht dicht geraten und wirklich nett anzusehen. Und großartig anzuhören. Elias Grandy, Heidelbergs Generalmusikdirektor, hat hier ganze Arbeit geleistet. Die Arrangements zünden und leisten sich wilde, skurrile Klangmomente. Auch die Idee, Benjamin Brittens späte "Phaedra"-Kantate nach Racine und "Trackway of Time", die Vertonung eines Gedichtes von Thomas Hardy durch den hierzulande unbekannten, 1949 geborenen John Casken, in Henry Purcells Sommernachtstraum- Phantasie "Th Fairy Queen" einzubetten, geht zumindest musikalisch voll auf. Grandy gestaltet die Übergänge weich und selbstverständlich. Die beiden mit moderner Psychologie angefüllten Monodramen, Brittens Neoklassizismus und Caskens Postimpressionismus, durchwirken das barocke Affekt-Geflecht wie Silberfäden edlen Samt.

Dazu stimmt die Personenführung von Andrea Schwalbach. Es wird deutlich, wie Mann und Frau (oder Königin und König) hier darunter leiden, nicht beieinander sein zu können, obwohl sie eigentlich zusammensein wollen - ein fast ewiger, vermutlich nur durch das Altern begrenzter Kreislauf. Drumherum ein Ehegott Hymen, der eigentlich nur seine Ruhe haben und seinen Kaffee trinken will und sich manchmal an Ehefreuden und -leiden erinnert. Und drei Elfen, die sich des Lebens freuen, Spaß haben, herumtändeln oder traurig sind.

Das wir singdarstellerisch hervorragend beglaubigt. Katharina Morfa singt und spielt ihre Elfe mit ungeheuer frischer Lebendigkeit und attraktivem Mezzo, der Tenor Joao Terleira steuert viel Klangphantasie, noch mehr Charme, einen witzig übertriebenen Oxford-Akzent und leichte Intonationsschwächen bei und Sopran-Elfe Jennifer Lary berührt mit einer kurzen, sehr intensiven Purcell-Trauerarie. Alle drei singen ein wunderbar stilles Quartett mit dem Ehegott, dem Ipca Ramanovic auf allen Ebenen schlanke Klarheit mitgibt - und ein dichtes, fast schwebendes Piano, in das man sich fallen lassen möchte. Die für Janet Baker geschriebene Phaedra findet eine großartige Interpretin in Zlata Khershberg. Anders als ihre berühmte Rollenvorgängerin ist ihr Mezzosopran nicht nobel, rund, keusch timbriert, sondern genuin dramatisch. Nach den ersten Takten gelingt es Khershberg durchgängig, ihr Vibrato zu kontrollieren und so über den muskalischen Fluss ihr Publikum einzufangen, was ihr sicher noch leichter gefallen wäre, hätte sie die nicht sehr lange Kantate an einem Stück darbieten können. Pascal Zurek schließlich, einziger Gast im starken Ensemble, kommt stets vom Wort her und profiliert sich als bis zum Augenzwinkern charmanter Tragöde.

Alle Komponenten scheinen also zu stimmen - und doch kommen die "Summernightdreamers" als Ganzes nicht richtig von der Bühne herunter. Was vielleicht daran liegt, dass man nicht genau weiß, wo man ist. Dass der Raum von Anne Neuser und die Inszenierung von Andrea Schwalbach sich nicht entscheiden, ob wir in Shakespeares melancholisch-komisch-wildem Wunderwald sind oder einem abstrakt psychologischen Gedankenexperiment beiwohnen. Wer sind diese Elfen? Doch wohl reine Theatergeschöpfe. Die immer wieder vorbeifahrende, mit Kleidern gefüllte Garderobe scheint es zu bestätigen. Aber was sollen dann diese reduziert realistisch ausgestatteten mobilen Gemächer für das hohe Paar. Und wo halten sich die Elfen auf? Auf einem Podest mit Rasen, Bäumchen, Blümchen. Von der Decke hängen kopfüber Sonnenblumen und weitere Kunstblumen begrenzen die Bühne an den Seiten. Ein Garten? Eine Kunstnatur? Wo mag das herkommen? Oder hingehen? Was tut der Gott dabei, der nichts tut? Die Fragen werden nicht beantwortet und nicht gestellt an diesem Abend. Bild führt zu Bild, Klang zu Klang, bis der Kreis sich in den Schwanz beißt. Eine schöne, ein wenig niedliche Maschine ist entstanden, die wir anschauen wie kostbaren Schmuck in einer Vitrine.

Vielleicht ist das auch genug in diesem Moment, von dem wir nicht wissen, wie lange er noch dauert. Vielleicht müssen kluge Setzung, handwerkliche Souveränität, musikalische Brillanz zurzeit genug sein, Der Betrieb.muss bewegt werden, sonst lebt er nicht und die Leute wollen Musiktheater sehen.Und in Heidelberg saß an diesem Abend erstmals seit dem 7. März wieder ein Orchester im Graben.

Und doch fehlt etwas. Sehr.Und darf nicht verloren gehen.

 

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