Monströse Popo-Metapher in "Die Hinterhältigkeit der Windmaschinen".
Schauspiel,

Opulenter Jux

Gert Jonke: Die Hinterhältigkeit der Windmaschinen

Theater:Theater Osnabrück, Premiere:28.05.2011 (UA)Regie:Philip Tiedemann

Ein „drei Meter hoher möglichst naturalistisch geformter betonfarbener Menschenarsch“ solle einen Großteil der Bühne einnehmen, forderte Gert Jonke 1971 in seinem ersten Stück, um bubiprovokant den ganzen Ekel übers Kleinmütige und Beschränkende des gesellschaftlichen Seins auszudrücken. Wenn diese monströse Popo-Metapher nun auf großer Bühne majestätisch um Assoziationen buhlt, und das zum Abschied von Holger Schultzes Intendantenära in Osnabrück, die mit Jonkes „Chorphantasie“ durchgestartet hatte, dann könnte eine finale Abrechnung anstehen.

Aber die posthume Uraufführung will nur brav ausgeflipptes Satyrspiel der sechs Intendantenjahre sein. „Das ist mal kein gut gebautes Stück, sondern ein Wust, eine Verrücktheit, mit wenig konkreten Figuren und viel Textflächen“, verkündete Regisseur Philip Tiedemann vorab amüsiert der örtlichen Tageszeitung. Jonkes Dichtung zur karikierenden Abbildung, versuchten Verständlichmachung, deutlichen Verachtung, liebenden Eroberung der Welt neigte immer zum Wortwolken-Monolog. Berauschend können die versponnenen dahinrollenden Satzkaskaden sein, die das kompliziert Hinterhältige der Existenz kunstvoll zeigen, indem sich die Schauspieler, Gewissheit suchend, darin verheddern, verlieren. In dem Kampf gegen die „Windmaschinen“ ist das alles schon angelegt. Dargestellt ist eine abstumpfende Sicherheitswahn-Welt, Verbotsschilder stehen herum, per Lautsprecher werden weitere Maßregeln verkündet.

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Ein durchaus gelungener Ansatz, wie Jonke den Verlautbarungsjargon der Politik und den Sprachgestus der Bürokratie humorig verfremdet, bis ins Absurde oder noch einen Dreh weiter ins Dadaistische treibt, so dass hinter der pedantischen Ordnung die Angst vor dem Chaos, aber auch die Freiheit schimmert. Formal aber ist das alles noch recht unausgegoren, erinnert eher an ausufernde Kabarettnummern als an Theater. Meisterlich leicht, beschwingt präzisierend, heiter souverän entfesselt Tiedemann dazu die Möglichkeiten des Stadttheaters, eint das Disperate. Die Wortspielereien fluten die Bühne, bis dem Publikum die Ohren klingen, weil sie wie eine durchkomponierte Sprachpartitur arrangiert wurden. Im Zentrum dieses rhythmisch strukturierten Sprechmusiktheaters tanzt und werkelt der Chor: Bühnenarbeiter-Cowboys mit Akkuschrauber-Pistolen. Drumherum werden ironisch Theaterästhetiken zitiert – quer durch die Historie der Bühnenkunst. Bis die Darsteller in den „Menschenarsch“ kriechen, damit auch jeder versteht, warum Jonke sein Stück als „Volkstragödie“ charakterisierte. Von der Tiedemann auch inszenatorisch nie behauptet, dass sie besser sei als sie ist. Als Vorlage für einen opulenten Jux aber funktioniert sie bestens.