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Nur ein Traum?

Friedrich Schiller: Die Jungfrau von Orleans

SchauspielPremiere: Theater: Landestheater Schwaben
Regie: Kathrin Mädler   Foto: Forster 
Von Manfred Jahnke am 16.10.2021

Ist alles nur ein Alptraum? Da stehen vier Männer in einem Kornfeld um eine junge Frau. Sie wollen, dass diese heiratet. Sie reden auf sie ein. Aber diese junge Frau pocht auf ihr Recht der Selbstbestimmung. Die Männergesellschaft will das nicht akzeptieren und so träumt sie sich – auf Jeanne d‘ Arc als Einflüstererin berufend – in eine eigene Welt, in der sie sich selbst bestimmen darf. Wo sie keine bürgerliche Heirat eingehen muss, sondern ihre Jungfräulichkeit bewahren darf. In ihrem Traum wird sie zur nationalen Heldin – wenn da nicht doch der Blick in ein Gesicht des Feindes alles ins Wanken bringt und das Gelübde, keinen Mann an sich heran zu lassen, zerbricht. Am Ende stehen wieder die vier Männer im Kornfeld …

Ein Traum? Das Kornfeld, dass Ausstatterin Mareike Delaquis Porschka entworfen hat, ist einziger Handlungsort in der Inszenierung von Kathrin Mädler von Schillers „Die Jungfrau von Orleans“ am Landestheater Schwaben. Dass da nur ein Ort ist, unterstützt die Version der „romantischen Tragödie“ von Friedrich Schiller als Traumvision. Dass hier nur eine Frau und vier Männer (in verschiedenen Rollen) auftreten, erzwingt eine beträchtliche Verschlankung der Handlung. Da gibt es keine sich hingebende Agnes Sorel und keine bitterböse Königin Isabelle, es gibt nur diese junge Frau, Johanna. In ihrem Aufbegehren gegen die gesellschaftlich traditionelle Misogynie erhebt sie sich gegen eine Männerwelt voller Blut – und vergießt doch selbst Blut.

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Franziska Roth spielt diese Jungfrau mit Staunen darüber, was ihr da geschieht und was sie da tut. Manchmal wirkt es so, als ob sie neben sich stehen, sich selbst zuschauen würde, um dann plötzlich mitten in einer Szene aktiv zu sein. Aber dieses Aktiv-Sein entspringt eher einer passiven Trotz-Situation: Sie muss reagieren, weil die Männer Druck auf sie ausüben. Sie möchte ihre Unschuld bewahren und besudelt sich mit Blut, weil sie – selbst im Traum – in einer Männerwelt nur männlich agieren kann. Umso schlimmer, dass sie am Ende wieder die Heiratsforderungen ihres Vaters, dem Klaus Philipp die Züge eines überzeugten Patriarchen gibt, zu hören bekommt. Dass er dabei seine Tochter der Hexerei anklagt, um wieder über sie verfügen zu können, ist in dieser Lesart nur konsequent: Wenn eine Frau sich in die bürgerliche Welt nicht einfügt, kann sie nur Hexe sein. Franziska Roth spielt das groß aus.

Gegen toxische Männlichkeit

Die Inszenierung von Kathrin Mädler rückt die Jungfrau noch stärker in das Zentrum der Handlung. Die Männer, die schon bei Schiller eher holzschnitthaft auftreten, sind hier kaum unterscheidbar. Sie tragen einen geschlechtsbetonten, leicht soldatisch eingefärbten Einheitslook. Mit Ausnahme von Raimund, der Johanna in ihren Entscheidungen verteidigt, agieren sie wie ein Block gegen die Jungfrau. So kann – meist unter einer riesigen Krone – David Lau sowohl den König Karl, als auch den Herzog von Burgund spielen. So wie Tim Weckenbrock andererseits die von den Normen der Männlichkeit abweichenden Rollen spielt: den Raimund mit weichen Zügen, den Montgomery, der vergebens um sein Leben fleht, und den englischen Anführer Lionel. In Letzteren verliebt sich Johanna und verliert damit die Kraft ihres Aufbegehrens, weil der Sinn, sich gegen diese Männerwelt zu positionieren, verloren gegangen ist. Tobias Loth, der vierte Mann, führt als Bastard Dunois eine toxische Männlichkeit vor, die selbstverständlich Ansprüche an Johanna stellt, ohne deren Willen zu respektieren.

Aber eigentlich haben alle diese Männerfiguren etwas Toxisches an sich – auch Raimund. Kathrin Mädler verdeutlicht das in ihrer Inszenierung durch eine Choreografie, die die Männer stets blockhaft agieren lässt. Das führt zu einer schwachen Figurenführung: Die melodramatische Hollywood-Filmmusik schafft zwar Atmosphäre, schafft es aber nur scheinhaft das Statuenhafte der Choreografie aufzuheben. Andererseits wird durch diese fast mathematisch abgezirkelte Bewegungschoreografie das positiv befördert, was in der Literaturwissenschaft immer wieder beschrieben wird: „Die Jungfrau von Orleans“ als „Wortoper“. In der Tat gelingt es Mädler mit ihrem Ensemble, die Sprache Schillers in ihrer Schönheit klingen zu lassen. Umso mehr, als dass Sprechen auf der szenischen Ausdeutung bezogen bleibt, Sprechen als Ausdruck des Denkens des Redners. Bewundernswert, über welche Sprechkultur dieses Ensemble verfügt! Und auch über welche Spielfreude!

Natürlich lässt sich darüber streiten, ob diese Traum-Konzeption den ganzen Schiller erfasst. Die Version, die Kathrin Mädler und ihre Dramaturgin Anne Verena Freybott geschaffen haben, ist in sich schlüssig, regt an und macht einen Klassiker verblüffend aktuell. Was will man mehr?

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