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Nüchtern und beklemmend

Sergej S. Prokofjew: Der feurige Engel

Premiere: Theater: Komische Oper Berlin
Regie: Benedict Andrews  Musikalische Leitung: Henrik Nánási   Foto: Iko Freese/drama-berlin.de 
Von Joachim Lange am 27.01.2014

Dass in der Komischen Oper auch mal auf Russisch gesungen wird, wie jetzt in Sergej Prokofjews selten gespieltem Opernkraftakt „Der feurige Engel“, gehört neuerdings dazu. Dabei will das düstere Stück auf den ersten Blick gar nicht so recht zur großen Show- und Revuegeste passen, mit der Barrie Kosky sein Haus nicht nur zum interessantesten der drei Berliner Häuser, sondern gleich zum „Opernhaus des Jahres“ gemacht hat. Es passt aber doch. Als Kontrast und als musikalische und szenische Herausforderung.

Als Sergej Prokofjew (1891-1953) Anfang der Dreißiger Jahre freiwillig aus dem Westen in Stalins Reich zurückkehrte, hatte er den expressiven „Feurigen Engel“, dessen Geschichte er nach dem Roman des russischen Symbolisten Valerij Brjussow im Deutschland der Reformationszeit angesiedelt hat, im Gepäck. Richtig auspacken konnte er das in Frankreich begonnene und in der Nähe des bayerischen Klosters Ettal Mitte der Zwanziger Jahre „auf Russisch“ zu Ende komponierte Werk daheim allerdings nicht. Und wie die Dinge liegen, stehen die Zeichen für das erst 1955, zwei Jahre nach dem Tod des Komponisten von Giorgio Strehler in Venedig szenisch uraufgeführte Werk in Putins Reich heute auch nicht besser. Im Westen taucht der „Feurige Engel“ hin und wieder auf. So haben sich unter anderem 2004 in Weimar Christian Sedelmeyer und 2007 in Brüssel Richard Jones daran versucht. Da der feurige Engel nur eine Fiktion von Renata ist, steht sie als operntypische Melange aus Heiliger und Hure oder aus Hexe und Hysterikerin im Zentrum. Der australische Regisseur Benedict Andrews verfolgt ziemlich konsequent die Möglichkeit, dass es hier um eine Obsession geht, die als individueller Fall eines unerfüllten Begehrens oder auch als Trauma nach einem Missbrauch beginnt und sich in einen kollektiven Wahn in der finalen Klosterszene hineinsteigert.

Es ist ernüchternd und beklemmend zugleich, wenn wir zwischen den verstellbaren grauen Wänden, die Johannes Schütz auf die Drehbühne gebaut hat, diese Geschichte aus der Perspektive Renatas miterleben. Wenn sie mit den aufgespaltenen und gedoubelten (auch kindlichen) Renatas und Ruprechts erscheint, die wohl eigentlich nur sie sieht, ist das beklemmend, auch wenn es stets als Theatermittel erkennbar bleibt. Der Weg in den Abgrund für das seltsam kaputte Paar Renata und Ruprecht beginnt in einem angedeuteten, billigen Hotelzimmer, in dem sie Stimmen hört und sich von denen so attackiert fühlt, dass es ihren zufälligen Zimmernachbarn Ruprecht auf den Plan ruft. Er will helfen, wird in Renatas Welt hineingezogen, fängt an sie zu begehren. Und das Verhängnis nimmt seinen Lauf.

Ruprecht, der ihr zunehmend verfällt, bringt sich bei ihrer Jagd nach ihrem Grafen Heinrich, dem irdischen Wiedergänger jenes Engels, auf den sie fixiert ist, bis an die Grenze der Selbstzerstörung. Auch das Kloster, in das Renata flieht, versetzt sie in Unruhe. Dort hält sie den Inquisitor für ihren engelsgleich Grafen Heinrich, küsst ihn, übergießt sich dann aber selbst mit Benzin. Diese Renata bäumt sich so im musikalisch orgiastischen Finale gegen den inquisitorischen Vernichtungsschlag auf. Hinter den Stellwänden, die jetzt wie eine Mauer alles abschirmen, sieht mal dreimal eine gewaltige Flamme auffahren. Wohin auch immer.

Im Graben bewältigen GMD Henrik Nánási und sein Orchester die musikalische Dauererregung mit Hochspannung und mit Augenmaß, lassen dabei aber die sinfonischen Zwischenspiele grandios aufleuchten. Vokal und darstellerisch überzeugt vor allem Svetlana Sozdateleva als Renata. Sie ist das Zentrum eines Ensembles, aus dem Evez Abdulla als Ruprecht und Jens Larsen als Graf Heinrich und Inquisitor herausragen und in dem auch Faust und Mephisto oder der Gelehrte Agrippa von Nettesheim als Menschen von heute ihren beiläufigen Auftritt haben. Nach dem lodernden Finale braucht der Jubel für diesen Opernkraftakt eine paar Sekunden, um auf Touren zu kommen.

Weitere Termine: 2.2., 16.2., 2.3., 10.7.

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