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Nicht Tochter, nicht Sohn

Anne Carson nach Euripides: Bitch, I'm a Goddess

SchauspielPremiere:  (DSE)   Theater: Staatstheater Hannover
Regie: Guy Weizman   Foto: Katrin Ribbe 
Von Michael Laages am 19.02.2022

Hannovers Schauspiel meint es immer wieder ernst – „feministisches Theater“ wolle es zeigen und sein – inszeniert von Frauen und von Männern. Vor kurzem definierte Stephan Kimmig Ibsens Badearzt Stockmann im „Volksfeind“ als Ärztin Betty – und ließ sie mit den „Fridays for Future“-Töchtern an der Seite in die lichte Zukunft jenseits aller Kompromisse marschieren. Nun hat Guy Weizman, gelernter Tänzer und Choreograf, dessen künstlerischer Weg in Tel Aviv begann und der nun Intendant vom Noord Nederlands Toneel in Groningen ist, eine Film-Arbeit fortgesetzt und zu Ende geführt, die in pandemischen Zeiten begann: „Bitch, I’m a goddess“, eine Euripides-Bearbeitung der kanadischen Autorin Anne Carson, die zunächst Teil des Film-Projekts „Three Poems“ war und im Treppenhaus der Cumberland'schen Galerie erarbeitet wurde. Nun also kommen Carsons „Bakkchen/Bakkhai“ auf der großen Schauspielhaus-Bühne in Hannover an.

Und Dionysos, der Gott und todbringende Verführer, ist eine Frau. Aber todbringende Verführerin ist auch sie.

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Aufhebung der Geschlechterrollen

Bevor es allerdings losgeht, warnt Weizmans Inszenierung das Publikum: Zentral werde es nicht um die Dualität zwischen Gott und Göttin gehen, sondern um die Aufhebung des „binären“ Blickes auf Menschen und Geschichte. Wieder setzt Hannovers Theater also auf einen politisch-sozialen Diskurs, der sich speziell auf soziologischem Terrain gegen vorurteilssatte Zuschreibungen für die Rollenmuster von Mädchen und Jungen, Frauen und Männern richtet. Insofern staunt der Typ in Reihe 11, rechts außen nur kurz, als er sich daran erinnert, dass dieser Dionysos in der Überlieferung doch bislang immer ein Mann war …

Es könnte sein, dass er sich bald – von der Begleiterin ein wenig geschult im Diskurs – etwas darüber wundert, wie offensiv (und klischee-gesättigt) Weizmans Inszenierung von nun an die Frau als Göttin durch den Abend gehen lässt: nackt unter ziemlich transparentem Morgenmantel. Das ist ein deftiges Zeichen – fürs Non-Binäre? Eher nicht.

„Kind“ der Götter sei es, sagt das schillernde Wesen immer wieder von sich, nicht „Sohn“, wie zunächst ja alle in Familie und Nachbarschaft des alten Kadmos behaupten, zu dessen thebanischem Clan der junge König Pentheus gehört. Agave ist die Mutter des Königs: Auch sie gehört zu denen, die die non-binäre Gottheit zu exzessiven weiblichen Suff-und-Lust-Orgien in den Bergen über der Stadt verführt hat. Anerkannt werden will die Gottheit, nicht als „Sohn“ und erstaunlicherweise eben auch nicht als „Tochter“, sondern als oberste Instanz. Pentheus versucht zu widerstehen – mit aller Macht, die ihm zu Gebote steht, als Herrscher und als Mann. Und die Gottheit scheint ihn wirklich bewahren zu wollen vor dem Untergang – als Frau verkleidet, soll er unter die entfesselten Frauen geführt werden. 

Leider bietet Anja Herden (als „Goddess“) ihm in einer der entscheidenden Szene nicht den eigenen Morgenmantel als Verkleidung an, der ihn wirklich unantastbar hätte werden lassen. Stattdessen gibt’s ein eher albernes Schafs- oder Ziegenfell. Der voyeuristische Eindringling wird prompt erkannt von den Frauen. Im Wahn zerreißen sie ihn wie ein wildes Tier – der er ja tatsächlich war, als König und Mann. Ausgerechnet die eigene Mutter schleppt im Triumph den Kopf des toten Sohnes nach Hause – und erkennt, wohin der dionysische Wahn sie geführt hat.

Sprachlich und gedanklich heruntergebrochen

Ungebrochen bleibt die Stärke der Fabel. Sie markiert seit ungefähr zweieinhalbtausend Jahren das unausweichliche Drama der verstörten, an der eigenen Zerstörung arbeitenden Menschheit. In den 90 Minuten bei Weizman drängt sich mehr und mehr die Frage auf, ob die Fabel gewinnt oder verliert, wenn sie sowohl von der Autorin Anne Carson als auch in der Bearbeitung der Übersetzerin Maria Milisavljevic in entscheidenden Passagen recht gewaltsam auf Alltagsniveau nivelliert wird – sprachlich sowieso, aber auch gedanklich: Wer Pentheus, den Herrscher, über alle jugendliche Unreife hinaus nur als Hampelmann und Rumpelstilzchen zeigen mag, traut ihm die Dimension des ernstzunehmenden Gegners für Gott oder Göttin kaum zu. Dass er die Göttin vor Augen nur in machistisches Gelalle verfallen kann, ist für die Aufführung sogar kontraproduktiv. Zumal auch noch das anti-binäre Diskursnetz über die Geschichte geworfen wird – in dem dann zwar ein lächerlicher Mann und Mensch zappelt, bis er zerrissen wird; aber eben kein Gegner mehr.

Viel Eindruck macht das Team aus Groningen: Acon de Nijs entwarf vor einem Ring aus Vorhang und dem pointiertem Licht von Maarten van Rossem die mit Steinen und Schaumstoffbrocken zugemüllte Bühne, in der sich gegen Ende, zur finalen Todesorgie, eine Art Totempfahl erhebt. Der könnte eigentlich ganz gut stehen bleiben, aber natürlich wird er umgestoßen – der König ist ja zerrissen. Das Prinzip aus Mann und Macht aber auch schon? Aus dem „Maison de Faux“ kamen wilde Fell-Kostüme über nackten Körpern, und eben der prächtige Morgenmantel für die Gottheit.

Anja Herden als „Bitch“ und „Goddess“ folgt energisch den Strategien von Kampf und Verführung, während Kaspar Locher im Gegenüber der Pentheus-Karikatur keine wirklich Chance hat. Wolf List als alter Kadmos, Alrun Hofert als Mutter des toten Pentheus und Katherina Sattler als Mahner und Warner Teiresias bilden die Bürgerwelt im Fell. Nils Rovira-Muñoz kommt eine spezielle Rolle zu: auch im Fell, das aber außer dem eigenen Kopf noch zwei weitere zeigt, markiert er das Kollektiv der entfesselten Bakkhai – eine starke Idee! Er rezitiert auch im Prolog Carsons schönsten und poetischsten Text aus dem Stück.

Vielleicht würde sich ja mit Blick auf die Diskurse über Mann, Frau und Binarität, die in Hannover derart präsent sind, die Forschung auch in anderen Kulturen lohnen – „Baccantes“ etwa, wie die „Bakkhai“-Fabel aus der Antike beim „Teatro Oficina“ im brasilianischen São Paulo hieß, schien vor Jahren deutlich weiter zu sein in der Vermischung wie der Aufhebung von Geschlechterklischees. Fürs erste (und wie zuvor beim „Volksfeind“) hat diese Premiere am „feministischen“ Theater in Hannover jedenfalls mehr Fragen hinterlassen als Antworten – auch nicht schlecht.

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