Foto: „Düsterbusch City Lights“ nach dem Roman von Alexander Kühne an der Neuen Bühne Senftenberg mit Richard Fuchs und Lene Juretzka. © Steffen Rasche
Text:Gunnar Decker, am 3. April 2026
Ein legendärer Club auf dem Brandenburger Dorf in der späten DDR: An diesem Ort lässt die Neue Bühne Senftenberg den Roman „Düsterbusch City Lights“ von Alexander Kühne über die Jugendkultur zwischen Aufbruch und Auflösung wiederaufleben. Die Inszenierung von Daniel Borgwardt spiegelt das jugendliche Lebensgefühl zwischen Biografie und Musik mit beachtlicher Präsenz.
Ohne Standvermögen geht hier in Lugau, einem kleinen Brandenburger Dorf bei Doberlug-Kirchhain nichts. Denn Stühle gibt es kaum im Landgasthaus Landei (früher Linde), das in der späten DDR ein legendärer Club war. Wenn Bands wie „Feeling B“ (die als Rammstein weltberühmt wurden) oder „Keimzeit“ hier spielten, dann saß auch keiner. Aber das ist fast vierzig Jahre her und mancher, der damals schon dabei war, sucht sich heute bei „Düsterbusch City Lights“ in Ermangelung einer Sitzgelegenheit einen Platz zum Anlehnen an der Wand.
Geschichte eines Außenseiters
Den gleichnamigen Roman, auf dem dieser Theaterabend von Daniel Borgwardt basiert, schrieb Alexander Kühne. Er erzählt darin die Geschichte eines Außenseiters auf dem Dorf namens Anton Kummer. Er ist ein Achtziger-Jahre-Nachfolger von Ulrich Plenzdorfs Edgar Wibeau aus „Die neuen Leiden des jungen W.“, der wiederum in den siebziger Jahren Holden Caulfield aus J.D. Salingers „Der Fänger im Roggen“ in die DDR versetzte – mit tödlichem Ausgang.
Die Beat-Blues-Punk-Szene dieser Jahre kann man sich in dem Dokumentarfilm „flüstern & SCHREIEN“ von Dieter Schumann vergegenwärtigen. Welch langer Kampf um eine authentische Jugendkultur, der sich seit den frühen sechziger Jahren, dem Leipziger „Gammler-Aufstand“ (nach dem Verbot anfangs zugelassener Beat-Gruppen) und dem „Renft“-Verbot der siebziger Jahre durch die DDR-Geschichte zieht.
DDR-Clownsfigur
Wie bringt man diese Atmosphäre zwischen Aufbruch und Auflösung heute auf die Bühne? Daniel Borgwardt entschließt sich dazu, neben der Hauptfigur Anton (eine Art DDR-Simplicissimus: Richard Fuchs) alle anderen zahlreichen Figuren des Romans in einer einzigen Figur zu vereinen: einem von Lene Juretzka gespielten Clown, mit grellroten Haaren, weit aufgerissenen Augen und schriller Stimme. Immer wieder wechselt sie Perücke und Kostüm und wird zur blonden Freundin oder zum Polizisten.
Das hat Vorzüge ebenso wie Nachteile. Ein Vorzug ist, dass die Clownsfigur eine typische der Endzeit der DDR war. „Wenzel & Mensching“ etwa waren ein berühmtes semi-subversives Clownsduo, das Philosophie mit Slapstick verband. Der letzte gedrehte DEFA-Film hieß „Letztes aus der Da Da eR“ – und bekannte sich zur surrealen Verlaufsform des Anspruchs der Utopie, die mit dem Beitritt zur Bundesrepublik endete. Clowns überwinden ja immer ihre eigene Traurigkeit, indem sie andere zum Lachen bringen. Das zeigt auch Lene Juretzka, deren grelle Clowns-Grimasse zur Maske wird, hinter die wir nur ab und zu schauen. Der Nachteil der Clownsfigur ist, dass er die komplizierten Beziehungen zwischen jungen Menschen immer wieder auf abstrakte Weise zudeckt. So bleibt die Geschichte von Anton, der ein später DDR-Romantiker ist, sehr bruchstückhaft. Sein Bekenntnis „Bevor mich der tiefe Schlaf befällt, will ich das Licht sehen“, verweist auf seelische Nöte, die hier eher Behauptung bleiben.

„Düsterbusch City Lights“ nach dem Roman von Alexander Kühne an der Neuen Bühne Senftenberg mit Lene Juretzka und Richard Fuchs. Foto: Steffen Rasche
Zwischen Rebellion und Anpassung
Eine immer gleiche Frage zieht sich durch die Inszenierung: Wie viel Rebellion ist möglich, wie viel Anpassung nötig? Auch Antons Biografie bleibt widersprüchlich. Seine Club-Idee prallt auf den Kontrollwahn des Staates. Ohne Zuflucht bei der FDJ zu nehmen, würde sie tatsächlich schnell ins Aus führen. Die Szene-Dichter des Prenzlauer Bergs in Berlin etwa bewegten sich auf gleich unsicherem Terrain wie Düsterbusch City Lights in Lugau. Das zeigt dieses Spiel mit Biografie und Musik, das sich vornehmlich an ein jüngeres Publikum wendet, überzeugend: Freiheit ist nichts, was man vorfindet, sondern – gestern wie heute – was man sich gegen eine Vielzahl von Widerständen erobern muss.
In der Musik klingt das Lebensgefühl nicht bloß Einzelner, auch ganzer Gruppen mit. Für Anton und seinen Club, in den er „keine Langhaarigen“ lassen will, ist es David Bowie, der ihn über „den schwarzen Tellerrand der Schallplatte über Düsterbusch hinausträgt“. Dieser fasziniert ihn in seiner forcierten Künstlichkeit. Anderen wird Blues oder Punk zum Fluchtweg aus allzu engen Verhältnissen in eine imaginierte Weite.
„Wo ist mein Platz?“
Das Sujet einer orientierungslosen Jugend, die nach einem eigenen Ausdruck strebt, der dann zum Ausbruch aus bedrückender Enge wird, ist nicht neu. Und es endet auch nicht mit dem Mauerfall, wie es Clemens Meyer mit seinem Roman „Als wir träumten“, den Andreas Dresen verfilmte, zum Thema machte. Die Balance von Freiheit und Ordnung muss offensichtlich jede Generation zu jeder Zeit wieder neu herstellen.
Und so scheint es auch plausibel, dass die Zuschauer stehen müssen, denn die beiden Akteure, die auch Animateure sein sollen (ein heikles Zugleich), drängen sich immer wieder durch die Menge hindurch. Sie erspielen sich dabei schließlich eine beachtliche Präsenz. Was sie treibt, scheint nur eine Frage: Wo ist hier mein Platz?