Image

Nachdenken am achten Tage

Joseph Haydn / Bernhard Lang: Das Ende der Schöpfung

CrossoverPremiere:  (UA)   Theater: Staatstheater Augsburg
Regie: André Bücker  Musikalische Leitung: Ivan Demidov   Foto: Jan-Pieter Fuhr 
Von Tobias Hell am 11.04.2022

Der Mensch, die Krone der Schöpfung, bekleckert sich momentan nicht unbedingt mit Ruhm. Da lässt sich nüchtern betrachtet nur wenig schönreden. Scheinen wir doch fast schon in jenen dystopischen Zukunftsvisionen angekommen, die früher Hollywood über die Kinoleinwände flimmern ließ. Pandemie und Krieg, die neben viel Solidarität ebenfalls zahlreiche menschliche Abgründe offenbarten, bestimmen nach wie vor die Schlagzeilen. Was beinahe darüber hinwegtäuscht, dass daneben auch noch andere große Probleme weiterhin ungelöst im Raum stehen. Und so realisiert das Staatstheater Augsburg nun mit „Das Ende der Schöpfung“ ein bereits lange vor dem Kultur-Lockdown konzipiertes spartenübergreifendes Projekt, das man in erster Linie als Kommentar zum Klimawandel und den daraus resultierenden Konsequenzen verstanden wissen möchte.


Es ist ein Abend, der viele Fragen stellt, es dabei aber zum Glück vermeidet, allzu oft den moralischen Zeigefinger zu heben. Vielmehr überlassen es der regieführende Intendant André Bücker und sein Team dem Publikum selbst, Lösungen zu finden. Wie lange der munter betriebene Raubbau mit den Ressourcen noch weitergehen kann. Wie sehr wir uns bei der Bewertung von Dingen durch Parolen und Werbeslogans blenden lassen. Oder ob wir uns, mit den uns zugewiesenen Rollen abfinden.

Anzeige

 

Sprachliche Dekonstruktion von Haydns „Die Schöpfung“


Grundlage für diese Gedankenspiele bildete Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“, aus dem man die großen Arien und Chöre übernahm, während die Rezitative dem Rotstift zum Opfer fielen. An deren Stelle tritt nun eine Reihe neu verfasster Dialoge aus der Feder von Dietmar Dath, die vom Autor selbst als „Sieben sehr böse Bilder von den Verhältnissen zwischen dem Geschaffenen und dem Zerstörten“ betitelt werden. Oft an der Grenze zum Absurden entlangschrammende zelebriert Dath teils poetische, teils höchst philosophische Wortgefechte, in denen Schauspielerin Nadine Quittner zunehmend den Fokus auf sich zieht. Als Gott und/oder Teufel balanciert sie mit starker Bühnenpräsenz zwischen Licht und Schatten. Wobei sie sich mit ihrem nuancierten Vortrag geschickt der naiven Schwarz-Weiß-Malerei verweigert, in der Gut und Böse stets klar definiert scheinen. Hieran dürfen sich Hanna Eichel und Paul Langermann reiben, die als Herr Wer und Frau Wie die Geschlechtergrenzen weiter aufweichen. Gewürzt mit kleinen selbstironischen Meta-Momenten, in denen Regisseur Bücker das Trio aus seinen Rollen heraustreten und frei von der Leber weg plaudern lässt.


Die Musik bleibt auch in diesen Schauspielsequenzen stets präsent. Wenn auch meist elektronisch verfremdet oder geloopt. Wirklich organisch wirkt die Verschränkung der Sparten aber nicht immer. Denn im Gegensatz zu den temporeich inszenierten Dialogen, agieren Chor und Opernensemble in den originalen Haydn-Passagen eher statisch. Zwar achtbar gesungen von Tenor Pascal Herington und Bass Young Kwon, aber ebenso wie die Auftritte von Tänzerin Adriana Mortelliti doch eher schmückendes Beiwerk im nüchternen Labor-Raum von Bühnenbildner Felix Weinold.

 

Bernhard Langs dritter Teil


Wirklich rund wird der Abend erst nach der Pause, wenn der von Komponist Bernhard Lang neu erdachte dritte Teil des Oratoriums erklingt. Denn für die Idylle des Garten Eden ist in diesem auf unsere Zeit zugeschnittenen Konzept verständlicherweise nur wenig Platz. Und so weichen die Dankgebete und Lobpreisungen von Adam und Eva nun einer von Jean Paul und Lord Byron inspirierten Textcollage, die von düsteren Klangfarben untermalt wird. Nach der Ruhe des siebten Tages, ein Aufruf zur Selbstreflexion. Weiterhin aufbauend auf Haydns „Chaos“, mal sanft heranschleichend, mal mit schonungsloser Wucht. Wobei sich die überschriebene Originalpartitur zwischen Langs Neukomposition immer wieder Gehör verschafft.


Großes Kompliment hier an Dirigent Ivan Demidov, der sich in beiden musikalischen Welten gut zurechtfindet und dabei auch schnell mit der trockenen Akustik der Interims-Spielstätte im Martinipark arrangiert. Demidov hält das Geschehen trotz der Dialog-Unterbrechungen gut im Fluss und führt neben den Augsburger Philharmonikern auch seine Sängerinnen und Sänger sicher durch den Abend. Und dies trotz der zusätzlichen Herausforderung, dass Jihyun Cecilia Lee krankheitsbedingt nur szenisch agieren konnte und aus dem Graben von gleich zwei Kolleginnen stimmlich gedoubelt wurde. Kata Stuber ließ hierbei in den Haydn-Arien, einen klaren, vibratoarm geführten Sopran vernehmen, während sich Evgeniya Sotnikova souverän den neu komponierten Passagen stellte. Ob der neue dritte Teil in der Praxis Nachahmer finden wird, muss sich zeigen. Eine interessante Alternative stellt Langs Komposition in jedem Fall dar.

Weitere Kritiken

Tiefenbohrung ins Herz des Theaters
Tiefenbohrung ins Herz des Theaters

Heruntergelassen hängt der gigantische Kronleuchter auf Hüfthöhe. Herausgedreht sind alle…

Einar Schleef: 14 Vorhänge
Staatstheater Augsburg
Premiere: 19.02.2021 (UA)
Enter Hades
Enter Hades

Kein Orchester im Graben, dafür der Blick in die Tiefe eines Museums mit Parkettboden,…

Christoph Willibald Gluck: Orfeo ed Euridice
Staatstheater Augsburg am martini-Park
Premiere: 10.10.2020
Gemeinsames VR-Experiment
Gemeinsames VR-Experiment

Seit das Staatstheater Augsburg in einer 5. Sparte Digitaltheater experimentiert, war von…

Christian Schlaeffer/Daniel Stock: Elektrotheater
Staatstheater Augsburg
Premiere: 16.02.2022