Rebecca Nelsen in der Titelpartie von Eunyoung Kims Musiktheater "Mama Dolorosa".
Musiktheater,

Musikinstrumententheater

Eunyoung Kim: Mama Dolorosa

Theater:Münchener Biennale, Premiere:05.05.2012 (UA)Regie:Yona KimMusikalische Leitung:Sebastian Beckedorf

Dass sich hinter der Sex-and-Crime-Geschichte „Mama Dolorosa“ ein hochkunstvolles Musiktheater für Sänger und Instrumente verbergen könnte, hatte man der Lektüre von Libretto und Partitur zumindest in diesem wörtlichen Sinne nicht unbedingt erwarten können. Denn die koreanische Regisseurin Yona Kim lässt bei dieser zweiten großen Uraufführung der Münchener Biennale für neues Musiktheater nicht nur die im Text vorgesehenen Figuren, sondern mit diesen zugleich auch Instrumente agieren: Akkordeon, Kontrabass, Cello, Violine, Posaune, Horn werden teils von den Protagonisten, teils von Komparsen auf die Bühne gebracht, werden dort zeitweise zu Komplizen oder auch Gegnern der Figuren, zu Zufluchts- und zu Schreckensorten, bleiben dabei aber immer Spielmaterial, verfestigen sich nie zu statischen Symbolen. Genau so aber entspricht es der Musik der 1973 in Seoul geborenen Eunyoung Kim, die ihre Figuren weder durch musikalische Leitmotive noch durch Zuordnung bestimmter Instrumente definiert, die aber mit großer Intensität den Spannungszuständen zwischen den Protagonisten nachspürt. Vor allem Klang und Farbe definieren dabei die musikalische Gestalt, hochverdichtet und vibrierend. Und genau darin löst auch Eunyoung Kim das Motto dieser 13. Biennale ein: __Der ferne Klang__. Nur dass „fern“ hier eben nicht koreanisch bedeutet, sondern eine Entfernung vom üblichen Klangbild der Instrumente – weit stärker noch als bereits bei der ersten Biennale-Premiere, Sarah Nemtsovs Oper „L’Absence“.

Ein weiterer Unterschied zur von Yasmin Solfaghari inszenierten Eröffnungspremiere liegt im ausgeprägten szenischen Eigensinn Yona Kims, die Libretto und Musik eben nicht verdoppelt, sondern dem Werk ein reich dimensioniertes theatrales Kontinuum entgegenstellt. Da wüsste man natürlich gern, was die Librettistin dazu sagt. Doch die Frage erübrigt sich, denn die Librettistin heißt – Yona Kim; wahrlich ein ausgesprochen fruchtbarer Fall von künstlerischer Persönlichkeitsspaltung.

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Aber zunächst: Worum geht es? Yona Kims Libretto spielt im Hexenkessel von Seoul, in dem unter dem Druck urbaner Hochverdichtung (hier leben 18.000 Menschen auf einem Quadratkilometer) zivilisatorische Globalisierung und nationale Tradition miteinander verschmelzen. Der Text thematisiert die hier noch immer starke Diskriminierung der Frau, die auf ihre Rolle als Mutter der Familie und Gebärerin männlicher Nachkommen fixiert wird. Töchter gelten als minderwertig, nur Söhne sichern der Familie Karrierechancen und Auskommen. Und so hat die Mama Dolorosa schon zweimal weibliche Föten abgetrieben, dann unter Schmerzen einen Knaben geboren und diesen gemeinsam mit der Großmutter gehätschelt. Doch es ist wie oft: Übertriebene Muttersorge verhilft Kindern selten zu Lebenstauglichkeit. Als ein kesses Lolita-Mädel das Hätschelsöhnchen zu erotischen Spielchen verführt, lässt es sich von ihr fortlocken und tötet sie. Zumindest behauptet das ein ominöser Kommissar, der plötzlich in der Wohnung auftaucht und eine blutige Hose als Beweisstück vorweist. Der allerdings lässt sich alsbald durch Avancen der Mutter vom Pfad der polizeilichen Tugend abbringen. Und während die Großmutter zetert, der Ermittler zur Mannestat schreitet und der versteckte Sohn aus dem Kleiderschrank kippt, beschleicht den Leser der leise Verdacht, dass all das so realistisch, wie es sich anfangs liest, wohl auch wieder nicht gemeint sein kann.

Dieser Verdacht wird dem Zuschauer von Yona Kims Inszenierung nachhaltig bestätigt. Ben Baur hat eine flache Spielebene in den Carl-Orff-Saal des Gasteigs gebaut, hinter einem Vorhang sitzt, unsichtbar, das Orchester. Zunächst sehen wir eine Frau, die vor Buddha betet, kniet, sich niederwirft, aufsteht, kniet, sich niederwirft, bis zum Zusammenbruch, den der Einsatz des Orchesters mit scharfem Klang markiert. Sie ist mit einem langen Seil an einen Stein gebunden, ein Bild archaischer Ritualität; der Buddha aber wird per Flachbildschirm in die Wohnung übertragen, der wiederum auf einem metallglänzenden Kühlschrank steht. Hinten zeigt ein Prospekt eine fernöstlich getuschte Landschaft, davor schimmert eine mannshohe Metallvitrine, in der später der geliebte Sohn in traditionellem Ornat (Kostüme: Hugo Holger Schneider) wie eine Ikone präsentiert wird: die Wohnung als Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Während die Frau betet, legt sich eine Video-Projektionen über die Szenerie, sie zeigt den Weg, den die Zuschauer gerade hinter sich haben: von der Rosenheimer Straße bis hinein in den Carl-Orff-Saal, wo der Kameramann (Janis Heller) schließlich auftaucht und im Close-up auf die Betende hält: ein Brechtscher V-Effekt, ein modernes „Glotzt nicht so blöde!“

In der Tat, hier geht es nicht im einfühlendes „Glotzen“, sondern darum, die sich immer schriller, immer absurder entwickelnde Szenerie zu „lesen“, sich auf das Assoziationskontinuum einzulassen, das Yona Kim aufspannt. Schon ihre Geschichte lebt von Analogien und Sinnentsprechungen – aber auch von Brechungen. Die Missachtung der Frau führt dazu, dass ihr die Sexualität zur einzigen Ebene wird, auf der sie dem Mann zu begegnen vermag – kein Wunder, dass das Mädchen im gelben Kleid gegenüber dem Sohn genau so agiert wie die Mama Dolorosa gegenüber dem Kommissar, und dass der Sohn, der weder singt noch spricht, in seiner verunsicherten Brutalität ein Spiegelbild des Kommissars ist. Und kein Wunder auch, dass die Großmutter nach dem Verlust ihrer sexuellen Attraktivität ihre ganze Würde aus der Wahrung der Tradition bezieht – und zur keifenden Anstandsikone wird. Am Ende ist die Bühne poetisch zugerümpelt mit Instrumenten und anderen Accessoires, die Figuren sind zu bunten Slapstickchargen geworden – aber die ganze Szenerie bietet ein starkes Bild seelischer Verwerfungen unter dem Druck inhumaner Traditionen.

Ist dieses Thema auch in München oder Braunschweig noch aktuell? Schwer zu sagen. Jedenfalls kennt auch die Bibel ihre Mama Dolorosa und hat die Rolle der Götter und Propheten den Männern reserviert. Und unsere wackere Familienministerin ist ja gerade dabei, die Mütter mit einer gewaltigen politischen Prämien-Fehlinvestition zurück an den heimischen Herd zu locken. Auf jeden Fall aber hat dieser Opernabend beträchtliche theatrale und musikalische Faszinationswerte. Das Orchester des koproduzierenden Staatsorchesters Braunschweig (dort ist „Mama Dolorosa“ ab 13. Juni zu sehen) geht unter der aufmerksamen und kompetenten Leitung seines Ersten Kapellmeisters Sebastian Beckedorf versiert mit Eunyoung Kims eigenwilligen Klanggebilden um, die schrille Großmutter ist ein gefundenes Fressen für den zur Charge wild entschlossenen Countertenor Daniel Gloger, während die Sopranistin Rebecca Nelsen der Mama Dolorosa genau die richtige Mischung aus schlanker Geschmeidigkeit und seelischer Zerbrechlichkeit gibt. Auch die übrigen Partien – die Sopranistin Simone Lichtenstein als das Nachbarmädchen, die Mezzosopranistin Julia Rutigliano als Nachbarin, der Bariton Christian Miedl als Kommisaar – sind ausgezeichnet besetzt. Und der Schauspieler Philipp Grimm gewinnt der stummen Figur des Sohnes eine leise, aber intensive Tragik ab. Viel Beifall.