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Museum der Eitelkeiten

Anton Tschechow: Die Möwe

Premiere: Theater: Residenztheater
Regie: Alvis Hermanis   Foto: Federico Pedrotti 
Fotos auf der Homepage des Theaters
Von Anne Fritsch am 18.01.2019

„Die Möwe“ in Anton Tschechows gleichnamigem Stück ist zum einen tatsächlich ein Vogel (der wird im Flug abgeschossen und landet ausgestopft in der Vitrine), zum anderen eine junge Schauspielerin, die sich gerne frei fühlen würde wie eine Möwe, tatsächlich aber - wie dieselbe - von einem Mann zerstört wird, der zufällig vorbei kommt. Der lettische Regisseur Alvis Hermanis inszenierte das Stück jetzt im Cuvilliés-Theater.

Der Vorhang öffnet sich einen Spalt. Auf einem Stuhl sitzt René Dumont, schaut ins Publikum und hält sich eine Pistole an die Schläfe. Nach einer Weile rafft er sich auf, der Vorhang gibt den Blick frei in einen holzgetäfelten Raum ohne Fenster, dafür mit zwei Flügeltüren rechts und links. Dumont hinkt mit seiner Krücke nach hinten, legt sich quer auf drei Stühle. Eine Resignation. Ein Anfang, der hoffen lässt. Auf einen Tschechow-Abend, der die existentielle Langeweile und die Unfähigkeit dieser Menschen, sich aus ihrer Lethargie und ihrem Unglück zu befreien, herausarbeitet. Von einem Regisseur, der aus seiner Vorliebe für konservatives Schauspielertheater keinen Hehl macht, genau damit aber schon manches Mal zum Kern des Menschen vorgestoßen ist wie zum Beispiel in „Späte Nachbarn“ von I.B. Singer an den Münchner Kammerspielen. Man sah hier zwei alten Menschen in ihrem Alltag zu, der ein einsamer und unspektakulärer war. Warf einen Blick in das Leben Fremder, die im Laufe des Abends zu Vertrauten wurden.

Tschechow nun beginnt sein Stück mit einem kurzen Dialog, der klarstellt, worum es hier gehen wird. „Warum tragen Sie eigentlich immer Schwarz?“, fragt der Lehrer Medwedenko die junge Mascha. „Ich trauere um mein Leben“, antwortet sie. „Ich bin unglücklich.“ Daran wird sich in diesem Leben auch nichts ändern. Sie liebt Konstantin, wird aber schließlich den Lehrer heiraten, den sie nicht liebt. Die Trauer um verpasste oder nie da gewesene Chancen ist die Grundhaltung der Tschechowschen Figuren. Ein aktives Eintreten für das eigene Glück ist ihre Sache nicht. Einzige Ausnahmen: Die alternde Schauspielerin Arkadia (Sophie von Kessel) und die angehende Schauspielerin Nina (Mathilde Bundschuh), die „Möwe“. Die eine, Arkadia, verlässt ihren Sohn Konstantin für ihre Karriere. Auch die andere, Nina, verlässt Konstantin. Der liebt sie, doch sie will Arkadia nacheifern, Karriere machen, wie sie den Schriftsteller Trigorin lieben. Sie wird scheitern. Und Konstantin wird sich erschießen.

Es steckt einiges in diesem Stück, das ein Blick in diese Leben spannend machen kann: die Beziehung dieser beiden Frauen zum Beispiel, die denselben Mann enttäuschen (Konstantin) und demselben Mann ihre Liebe hinterher tragen (Trigorin). Das Verhältnis Konstantins zu seiner Mutter, die in ihm nichts als einen Versager sieht. Doch Hermanis konzentriert sich so auf eine textgetreue Wiedergabe, dass die Chancen für ein genaueres Hinsehen ungenutzt vorbei rauschen. Während es den Schauspielern - Marcel Heuperman (Konstantin), René Dumont (Sorin) - in den ersten Szenen gelingt, den Text zu ihrem eigenen zu machen, verliert sich diese Konzentration und Dringlichkeit leider schnell. Dabei hat Hermanis nichts an seinem Blick für Situationen eingebüßt: Wenn die junge unerfahrene Nina die Pose der älteren Polina (Katharina Pichler) auf der Chaiselongue exakt nachahmt, um die Aufmerksamkeit des Trigorin (Michele Cuciuffo) auf sich zu lenken, ist das einer dieser Momente, in denen die Figuren lebendig werden in ihren Sehnsüchten. Leider bleiben sie aber die Ausnahme.

Hermanis beschränkt sich an diesem Abend auf die reine Abbildung gelangweilter Menschen im Russland des 19. Jahrhunderts. Er steckt seine Schauspielerinnen in einengende Korsette und seine Schauspieler in eine Puppenstube. In diesem naturalistischen und neokonservativen Konzept bleibt kein Raum für Experimente oder Wagnisse. Ein inhaltlicher Ansatz, eine Dringlichkeit, ist nicht erkennbar. Die Menschen bleiben Marionetten, werden nicht zu Vertrauten. Das hier ist das Gegenteil von Regietheater, eigentlich das Gegenteil von Theater, von der lebendigen Interpretation von Texten. Ein Museum der Eitelkeiten.

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