All das mag stark nach der Geschichte einer neuen verlorenen Generation am Rand der Gesellschaft klingen. Die Theatersprache von Simon Stephens jedoch ist ganz anders. Als „Meister der Gegenwartserkundung“ charakterisiert ihn die Dramaturgin Julia Lochte im Programmheft; und in der Tat blinken und blitzen Philosophie und Visionen, Träume und Alpträume immer nur für Augenblicke auf im Strom der Wörter. Maria redet quasi ohne Punkt und Komma, ist auch sprachlich immer in Bewegung – und als das Kind da und der Fitnessjob beendet ist, kreiert sie eine Art medialen Nachbarschaftsservice: quatscht per Videoverbindung im Internet und gegen Minutenhonorar mit jedem und jeder. Um Telefonsex geht’s hier nicht, nur um jene Nähe, die abhandenkommt, je weiter die grenzenlos globalisierte Welt gerade wird. Mit einer durchaus bedrohlichen Monstermaske redet sie da mit weinenden Frauen ganz weit weg und mit einem Alten in Australien, Ex-Polizist und voller Sehnsucht nach ein bisschen sanfter Zärtlichkeit, etwa beim Haarewaschen.
Auch diese Miniaturen auf Videobildschirmen machen Eindruck; aber spätestens ab hier, also bevor der Bruder wiederkehrt und Oma stirbt, verliert das Stück als Ganzes deutlich an Zusammenhalt. Es hat ja außer Marias ewiger Suche ohnehin keinen starken dramatischen Kern und bleibt an der trüben Oberfläche der Welt, wie sie ist. Sebastian Nüblings Inszenierung fokussiert bis dahin geschickt und schnell die kostbaren Miniaturen vor dem kreisenden Truck; und im Finale bricht die fast schon tote Oma noch aus zur Ehrenrunde als „sterbender Schwan“, die die Macht des Geschichtenerzählens beschwört. Überhaupt: diese Oma! Barbara Nüsse, die Thalia-Doyenne, ist ein echtes Ereignis neben der unbändigen Lisa Hagmeister in der Titelpartie sowie Thomas Niehaus, Tim Porath, Sylvana Seddig und Jirka Zett in ungezählten weiteren Rollen. An Abenden wie diesen erweist sich auch die Kraft des Theaters: Einer Welt, der die Menschlichkeit verloren geht, stellt es echtes Leben gegenüber.
