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Medea-Stationen

Christa Wolf: Medea. Stimmen

SchauspielPremiere: Theater: Staatsschauspiel Dresden
Regie: Simon Werdelis   Foto: Sebastian Hoppe   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Ute Grundmann am 11.06.2020

So nah wird uns Medea nie wieder sein. Verbannt in den obersten, niedrigsten Gang des Theater-Palastes, begegnet die Zauberin und Kindsmörderin (Fanny Staffa) mir verletzt und verletzend, voller Wut und ohne Rat. Sie ist Station Sechs von insgesamt acht Stationen in einer Inszenierung der sehr besonderen Art. Schauspieler Simon Werdelis ist dafür auf die Regieseite gewechselt und hat Christa Wolfs Nachdenken über Medea zu einem „Monolog-Parcours“ gestaltet. Dafür steht den sechs Schauspielern und insgesamt zehn Zuschauern das gesamte Dresdner Staatsschauspiel zur Verfügung, das leer ist. Dies aber ist nicht die einzige Corona-Vorsichtsmaßnahme: Jeder Besucher bekommt eine individuelle Anfangszeit, seine Karte ist nicht übertragbar, auch der Mindestabstand ist aufgedruckt.

Simon Werdelis selbst gibt jedem eine Einführung, desinfiziert dann den Telefonhörer der ersten Station – an der erst mal „nur“ Medeas Stimme zu hören ist: über den einen, den sie braucht, über den Schmerz, der wütenden Spuren hinterlässt. Herein klingt da schon eine andere Stimme, von der nächsten Station, denn ich bin die sechste in der Besucherabfolge; mit nummerierten Pfeilen und Kreisen werde ich durch das Theater geleitet. Jason wartet auf mich, im Herren-WC, Spiegel, Wasch- und Pinkelbecken sind zu sehen, aber nicht wichtig. Philipp Grimm, elegant gekleidet, als Jason gerade erst in Kolchis angekommen, lacht und leidet, freut und verzweifelt an seiner Liebe zu Medea. Seine blitzenden Augen setzen durchaus zum Flirt mit dem Gegenüber an, auch über Bande (den Spiegel). Das zieht in den Bann, ist aber auch doppeldeutig und doppelbödig, ebenso wie die Begegnung mit Agameda. Henriette Hölzel spielt die Schülerin Medeas, ganz in Schwarz, mit roten Stiefeletten, verrät ihre Lippenstiftfarbe, bietet Platz, fragt „Alles gut?“, lästert über Kabalen am Hof, ihre Liaison mit dem Gefürchteten, den sie am Bändel der Verführung hat. Auch sie flirtet mit dem Besucher, als sei er der Geliebte, zieht alle Register und das Näschen kraus. Der Zuschauer liefert ihr die Stichworte dazu und trägt den Zettel, der Medea des Brudermordes beschuldigt, weiter zu Glauke (Marlene Reiter).

Sie, die blasse, kränkelnde Königstochter, hat das Parkettfoyer als Bühne, redet über die Frau, die sie reden ließ, auch über das, was sie vergessen wollte. Spricht sie je ihren Namen aus? Sie trägt über normaler Kleidung ein lachsfarbenes Negligé, das sie auf Geheiß der Frau gegen schwarze Kleider tauschte. Und bald werden die goldgerahmten Mimengemälde des Foyers Teil ihrer Welt. Marlene Reiter berührt mit ihrer Stimme, ihren eher kleinen Gesten – doch was mache ich bei diesem Solo für Zuschauer? Zeige ich mit Mimik meine Reaktion auf sie und spiele so mit? Oder bleibe ich in der neutralen Position, schaue „nur“ zu? Ein schmaler Grat für beide Seiten.

Als Fünfter mustert Astronom Akamas (Hans-Werner Leupelt) im 1. Rang links den Besuch, erst durch die Tür, dann bittet er herein. Er im Fürstensessel, ich auf einem Stuhl, erläutert er leutselig und hinterhältig, was einem Staat nützt, Mord und Opferung eines Mädchens gehören dazu. Das ist, nach der Begegnung mit der zarten Glauke, so ernüchternd wie erschreckend, zumal Akamas, als ich gehe, das Absperrband hinter mir fest schließt. Nun bin ich so gefangen wie Medea, zu der ich gehen soll. Zu eng scheint der niedrige Gang für Fanny Staffas Medea, Heilerin und Kindsmörderin zugleich, die in ihrem Gegenüber den ermordeten Bruder Absynthos (was nicht nur hier wie „absurd“ klingt) sieht. Sie formt dessen Gesicht an dem des Besuchers nach, lässt Wut und Trauer auch an den Wänden aus und zum ersten Mal muss ich einen Schritt zurück machen, um den Mindestabstand zu wahren. Zorn, Verlassenheit, Trauer, Ausweglosigkeit Medeas noch im Ohr, begegnet mir der zweite Astronom, Leukon. Franziskus Claus verkörpert ihn, führt die vielen Treppen hinab auf das Ende des Abends hin, warnt beiläufig „Vorsicht, Kabel“. Er verzweifelt, weil er alle und alles verstehen kann, schlittert die Treppe hinunter, ohne einen Weg für sich zu finden. Leukon würde am liebsten alle Erinnerung löschen – aber bitte nicht die an diesen besonderen Abend.

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