Foto: Eine Gesellschaft im Vorkrieg - und mittendrin der Heilige Petrus. „Die Hölle auf Erden“ von Maria Lazar am Theater Magdeburg mit Luise Hart, Isabel Will, Rainer Frank, Marie-Joelle Blazejewski. © Kerstin Schomburg
Text:Erik Zielke, am 24. Januar 2026
In der Gesellschaftssatire „Die Hölle auf Erden“ von Maria Lazar wird Gott per Annonce gesucht. Am Theater Magdeburg ist in der Regie von Julia Prechsl die Aktualität des Textes sehenswert – der Spagat zwischen Pointe und Abgrund gelingt in der Deutschen Erstaufführung allerdings nur partiell.
Die Wege der Klassikerrezeption sind oft unergründlich. Das zeigt sich besonders gut an der spät kanonisierten österreich-jüdischen Autorin Maria Lazar. Als sie 1948 52-jährig in Stockholm starb, war ihr Werk bereits beinahe vergessen. Dass sie im 21. Jahrhundert neu entdeckt würde, das war nicht gerade abzusehen.
Nun werden ihre Romane allerdings für die Bühne adaptiert, ihre Stücke inszeniert und – dem spät gesichteten Nachlass sei Dank – einige Dramen erst heute zur Uraufführung gebracht. So war es auch bei der erstaunlichen Gesellschaftssatire „Die Hölle auf Erden“, die im vorvergangenen Jahr am Tiroler Landestheater erstmals in Szene gesetzt, bald am Schauspielhaus Graz nachgespielt wurde und nun am Theater Magdeburg seine Deutsche Erstaufführung erlebte.
Gesucht wird: Gott
Keine Überschreibung, keine blinde Aktualisiererei ist notwendig bei so einem Drama. Wie auch die anderen Stücke erscheint „Die Hölle auf Erden“ ungemein zeitgemäß – ein Glück für das Theater. Ein traurig stimmendes Symptom für eine aus den Fugen geratene Gesellschaft. Aber der liebe Gott ist uns heute nicht näher als vor neunzig Jahren, als diese Komödie entstanden ist.
Ein Professor für Psychiatrie, tätig für den Völkerbund in Genf, schaltet eine Annonce. Gesucht wird: Gott. Wer sonst sollte helfen in diesen auf Krieg eingestellten Zeiten? Da aber Gott mit dem Projekt „Menschheit“ abgeschlossen hat und nicht gern an diesen Irrläufer der Schöpfung erinnert werden möchte, schickt er an seiner statt den Heiligen Petrus in Begleitung der Engel Lux und Pax. Aber wie für Rettung sorgen angesichts einer Bevölkerung, die geradezu ins Schlachtfeld geführt werden will?
Skurrile Figuren
Lazar erschafft ein Gesellschaftspanorama, das allerlei skurrile Figuren versammelt: Der Professor wirkt unheilbar naiv in seinem Glauben an das Gute. Seine Frau hat sich neuerdings der Religion verschrieben. Wobei Zweifel angebracht scheinen, ob sie es ernst meint oder sich nur einen neuen Spleen zugelegt hat. Der Sohn ist ein Nazi, dem es mit dem Marschieren kaum früh genug losgehen kann. Die Tochter ist Kommunistin. Dazu gesellen sich die Kriegsberichterstatter und Pfarrer, hungernde Kinder und dekadente Reiche, die Weltkriegsanalytiker, die bei allen Erklärungen die Verhinderung des nächsten Kriegs vergessen.

So flauschig kann der Himmel sein. „Die Hölle auf Erden“ von Maria Lazar am Theater Magdeburg mit Oktay Önder, Laura Fouquet. Foto: Kerstin Schomburg
Petrus und seine Engel haben es nicht leicht, als Ausländer auf Erden sind sie der behördlichen Verfolgung ausgesetzt, wie man es derzeit in Trumps Amerika erleben kann. Und dorthin, wo himmlische Geschöpfe auftauchen, begibt sich auch der Teufel, der in Gestalt eines Rüstungsindustriellen erscheint. Da bleibt wenig Raum für Hoffnung, eher schon für bitterbösen Humor.
Verwechslungskomödie mit offenen Fragen
In Magdeburg, wo man in den letzten Spielzeiten bereits ein gutes Gespür für relevante Stoffe unter Beweis gestellt hat, hat sich Regisseurin Julia Prechsl des Dramas angenommen. In hundert Minuten bringt sie diese Verwechslungskomödie auf die Bühne, die nach einem solchen Tempo verlangt. Der Himmel ist bei ihr ein flauschiges rosafarbenes Paradies; die Erde ein unwirtlicher Ort, an dem die Orgelpfeifen – jede brav an ihrem Platz – die Szene bestimmen und gelegentlich von Fahnenmasten abgelöst werden, die Volks- und Kriegstümelei symbolisieren (Bühne: Jelena Nagorni). Perkussive Zwischenmusiken treiben die Handlung voran (Fiete Wachholtz). Und die grellen Kostüme (Luisa Wandschneider) bringen etwas Ordnung in dieses figurenreiche Drama.
Aber der Spagat zwischen der Überzeichnung des Personals, wonach das Stück durchaus verlangt, und der Herausarbeitung des Typischen und der gesellschaftlichen Funktion gelingt nicht immer. Bei diesem anspruchsvollen Text droht hinter den Pointen, die in Szene gesetzt sein wollen, manchmal der gesellschaftliche Abgrund unkenntlich zu werden. So bleibt an diesem Abend einiges im Unklaren. Der Text erschreckt durch seine Aktualität. Aber viele Fragen bleiben offen. Es ist eine Inszenierung, über die länger nachzudenken sich lohnt – das ist gewiss nicht das Schlechteste.