Image

Leuchten zwischen Mensch und Maschine

Künstler-Ensemble: The Temple - Eine begehbare Vision

CrossoverPremiere:  (UA)   Theater: Westflügel Leipzig
Foto: Dana Sinaida Ersing   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Lea Matika am 26.06.2020

Das Automatenorakel spuckt trotz mehrfachen Drückens auf den Like-Button zuerst gar keine Erleuchtung aus und dann gleich zehn auf einmal: Ich nehme eines der Plastikbällchen, die auf den Boden des Leipziger Westflügels gekullert sind, und öffne es. Zum Vorschein kommt ein Zettelchen mit der Botschaft „Du machst das schon!“. Auf dem Zettel meiner Begleitung der gleiche Satz.

Bestimmt flüstern sich die Mitarbeiter der multimedialen Installation „The Temple“ dieses Mantra regelmäßig während ihrer Schichten zu. Denn das Team des Westflügels hat eine äußerst beeindruckende Show auf die Beine gestellt. Über mehrere Stockwerke erstrecken sich die Werke der internationalen Künstler. Ab und zu muss an den Maschinen nachjustiert werden, mal ist der Ton eines Videos zu laut, mal klemmt ein Schalter oder – ganz menschlich – muss ein Besucher wieder auf den rechten Weg durch die Installation geleitet werden. Doch im Großen und Ganzen schnurrt die Maschine, in deren Zentrum ein riesiges, per Fußpedal aufblasbares Herz prall und rot thront.

Im Tempel wird gesungen und gepredigt wie in Gotteshäusern prä-digitalisierter Zeiten, aber auch moderne Popkultur in Form von Youtube-Tutorials wird in kultische Echtzeitbegegnungen transformiert. Die interaktive Entdeckungsreise führt bis in den Keller hinunter, wo Dunkelheit, Mechanik und Soundmystik vorherrscht. Die Kreation verschiedenster Raumstimmungen ist eine weitere Stärke von „The Temple“; stille, laute und lustige Momente wechseln sich gekonnt ab.

Besonders gelungen ist die Interaktion bei der Performance von Jan Jedenak: Trotz Glasscheibe hat der Künstler einen Weg gefunden, mit den Besuchern in intensiven Kontakt zu treten. Durch Schläuche, an deren Enden Saugnäpfe befestigt sind, verbinden sich Besucher- und Performerkörper. Ich spüre das Ziehen an meiner Haut und mir wird unmittelbar bewusst, dass mein Gegenüber ebenso fühlt. Und so kann auch die Frage nach dem Wesen des Menschen, die im Ankündigungstext von „The Temple“ aufgeworfen wird, beantwortet werden: Der Mensch, sich seiner Endlichkeit schmerzlich bewusst, will nicht entfliehen durch die Maschinenwerdung, sondern er verlangt nach Verbindung, durch Maschinen, mit Mensch-Maschinen, Hauptsache, ein weiteres Herz schlägt gemeinsam mit dem seinigen.

Beteiligt an der Installation sind unter anderen: Elena Lotti Astolfi, Ulrike Biller, Dana Ersing, Sofia Flesch Baldin, Sonia Franken, Johannes Frisch, Owain Griffiths, Benjamin Hohnheiser, Jan Jedenak, Carla Jordão, Tim Josefski, Li Kemme, Jonas Klinkenberg, Gwen Kyrg, Alexander Lorenz, Martyna Lorenz, Franziska Merkel, Hannah M. Morris, Katharina Muschiol, Thilo Neubacher, Clemens E. Reinelt, Matthew Robins, Christian Schmit, Birk Schmithüsen, Eva-Maria Schneider, Tim Spooner, FJ Schroers, Michael Vogel, Samira Wenzel, Stefan Wenzel, Jim Whiting und Charlotte Wilde.

Weitere Kritiken

Wie tickt Medeas Tochter?
Wie tickt Medeas Tochter?

Blut im Schritt, Blut im Schnee. Eine abgeschnittene Zunge, Haare und Fell. Archaische…

E. L. Karhu: Eriopis
Schauspiel Leipzig
Premiere: 06.03.2020 (UA)
Kindermund tut Wahrheit kund
Kindermund tut Wahrheit kund

Kindermund tut Wahrheit kund: „Der Bassa Selim ist der Strippenzieher – und dabei kann er…

Wolfgang Amadeus Mozart: Die Entführung aus dem Serail
Oper Dortmund
Premiere: 04.09.2020
Spiel ohne Spiel
Spiel ohne Spiel

Wer dächte beim Titel „Atem“ im Jahr 2020 nicht sofort an die furchtbare Pandemie, die…

Morton Feldman, Galina Ustwolskaja, Robert Schumann u.a.: Atem / Souffle
Staatstheater Darmstadt
Premiere: 03.09.2020 (UA)