Heldendämmerung

Augusta Holmès: La Montagne Noire

Theater:Theater Dortmund, Premiere:13.01.2024 (DE)Regie:Emily HehlMusikalische Leitung:Motonori Kobayashi

Die Oper „La Montagne Noire”, uraufgeführt im Jahr 1895, wurde in Paris dreizehnmal gespielt und dann vergessen – bis 2024 in Dortmund. Das letzte Bild, das man gegen den Willen der Komponistin Augusta Holmès gestrichen hatte, ist sogar eine echte Uraufführung.

Die Oper ist lang, fast drei Stunden, und die Partien sind schwer. Die Anstrengung für die Oper Dortmund ist also groß – aber lohnend?

Die Handlung spielt im Jahr 1657 in Montenegro. Das Land, das historisch betrachtet damals noch kein Land war, sondern eine Ansammlung von Stämmen und Königreichen, befindet sich in einem erbitterten Krieg mit dem osmanischen Reich, den es in Wirklichkeit so auch nicht gab. Es geht also nicht um die realitätstreue Abbildung von Geschichte, sondern um Menschen. Genauer um Mirko und Aslar, die zusammen gekämpft haben und eine Art Blutsbrüderschaft schließen. Während des Rituals erscheint eine fremde Frau, Yamina, eine Türkin. Mirko, der mit Héléna verlobt ist, verliebt sich sofort in Yamina. Sie verführt ihn und sie gehen gemeinsam weg und Aslar folgt ihnen, um die Ehre seines Bruders wieder herzustellen. Am Ende sind beide Männer tot.

Holmès‘ Musik ist farbenreich und schließt bewusst an Wagner an, geht dabei musikalisch von den Stimmen und nicht vom Orchester aus. Der Klang ist nuanciert, aber ein wenig ermüdend. Vielleicht auch, weil Motonori Kobayashi und die Dortmunder Philharmoniker dynamisch einförmig spielen und das Klangbild eher kompakt als transparent gestalten.

Zu viele Metaphern

Auch Regisseurin Emily Hehl sorgt nicht für Abwechslung. Frank Philipp Schlößmann hat ihr einen grauen Kasten auf die Bühne gebaut, der sich immer wieder an anderen Stellen öffnet. Die Kostüme von Emma Gaudino sind reduzierte Versionen von Balkan-Trachten. In diesem Rahmen wird die Handlung erzählt und mit oft schwer dechiffrierbaren Bildern und Metaphern überzogen: Da taucht immer wieder ein Rinderschädel auf, Aslan und Mirko führen einen Esel mit sich, Mirko trägt im Schlussbild ein halbes Esel-Kostüm, Teppiche – vielleicht Gebetsteppiche als Beute? – werden hin- und hergetragen. Und immer wieder ist da eine Gusle, ein einseitiges Musikinstrument, das bis heute in Montenegro viel gespielt wird.

Emily Hehl lässt sogar die Gusle-Spielerin Bojana Pekovič auftreten. Sie spielt zwei Stücke, am Beginn und kurz vor dem Ende und ist die ganze Zeit auf der Bühne. In der Musik gibt es Hinweise vielleicht auf die Spurenelemente von slawischen Volksliedern und die Mythen um Kraljevič Marko (Mirko) und Lazar (Aslar), sowie einen Hinweis auch auf die „falschen“ Heldenbilder durch Geschichtsschreibung und Volkskunst. Man hört Pekovič sehr gerne zu, aber die Diskrepanz zwischen ihrer lange tradierten Volkskunst und der spätromantischen Oper ist zu groß, um sich gegenseitig zu befruchten.

Die Sänger:innen im Mittelpunkt

So stehen die Sänger:innen im Mittelpunkt, die ihre anspruchsvollen Partien alle großartig lösen. Mandla Mndebele macht mit flüssigem Bariton den immer aufgeregten Aslar zum Sympathieträger, Sergey Radchenko gestaltet Mirko bei aller Verliebtheit mit viel Piano-Kultur und angenehm verschattetem Tenor zum nachdenklichen Mann und Aude Extrémo ist eine Yamina mit dramatischem Alt und viel Präsenz. Sie hat einen großen Moment am Ende des zweiten Aktes, wo sie sozusagen die dramatische Funktion ihrer Figur offenlegt: eine Femme fatale, die nicht für die Männerwelt geopfert wird, eine Frau, die nicht dient, sondern durch Schönheit herrscht. Hier hören wir etwas, das wir in der Operngeschichte noch nicht gehört haben. Das gilt auch für die letzte Szene, eine Heldendämmerung von Graden auf vielen Ebenen. Hier zeigt Augusta Holmès, die auch das Libretto geschrieben hat, eigene Haltung und eigene Farben. Leider kleistert die Regisseurin auch diese starken Momente mit szenischen Metaphern zu. Man hört nicht zu, man fragt sich, was sie bedeuten sollen. Schade für das Theater und die sicher zu Unrecht unbekannte Komponistin.