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Kraftvolle Selbstermächtigung

Justyna Koeke, Ensemble Rot: Göttinnen

CrossoverPremiere:  (UA)   Theater: Theater Rampe
Regie: Justyna Koeke, Teresa Grebchenko  Komponist: Teresa Grebchenko, Isabel Pardo, Meike Senker   Foto: Daniela Wolf   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Manfred Jahnke am 22.02.2020

Wie können Frauen sich selbst ermächtigen gegen die sexualisierten Bilder, die sich immer neu in unserer Gesellschaft formieren? Kann es helfen, an die alten Mythen des Matriarchats oder der Mondsichelmadonna erinnernd anzuknüpfen? Das versuchen die vier Frauen des Ensemble Rot, 2017 in Freiburg gegründet: Wie sie spielend mit Trommeln, Xylophonen und anderen Schlagwerken herumwirbeln, ist allein schon sehens- und hörenswert; wie Teresa Grebchenko, Yuyoung Jin, Nanae Kubo und Nagisa Shibata mit ungeheurer Konzentration Tempi steigern, Pausen einlegen, Stille wirken lassen, dann wieder heftig auf die Instrumente einhämmern, um im nächsten Augenblick ganz leise, zarte Töne zu generieren, erinnert an die Virtuosität japanischer Frauentrommlertruppen. Kraft und starkes Rhythmusgefühl zeichnen die Gruppe aus.

Für „Göttinnen“, eine Koproduktion mit dem KV Gästezimmer, dem Theater Rampe Stuttgart und dem E-Werk Freiburg, hat sich das Ensemble Rot mit der Bildhauerin und Performancekünstlerin Justyna Koeke und anderen Künstlerinnen zusammengetan. Entstanden sind vier Szenen, zu denen drei junge Komponistinnen aus Freiburg die Musik schufen und Künstlerinnen aus verschiedenen Genres auftreten. Verbindende Klammer ist die Musik, dramaturgisch-thematisch die Selbstbestimmung der Frau, was sowohl inhaltlich wie auch ästhetisch vielfältig aufgefächert wird. Justyna Koeke hat dazu Bühnenbilder und Kostüme geschaffen, die mit symbolischen Momenten arbeiten, manchmal aber auch nur dekorativ bleiben.

Im ersten Stück, „Quyca“, in kolumbianischen Legenden die Göttin des Weltraums, dominieren im Bild ein zeltartiges Gebilde, ein Reisighaufen und ein kleiner Heuberg, aus dem dekorativ eine Storchenfigur herausragt, links vorne gibt es ein weiteres, kleineres Zelt. Nach und nach befreit aus diesen Justyna Koeke – als Quyca in roter Strumpfhose, die nackten Brüste in Sonnenkränze gefasst und an den Füßen mächtige Schlangen – die vier Musikerinnen, indem sie sanft auf Klangschalen einschlägt. Isabel Pardo hat eine zarte Komposition geschaffen, die mit kleinen Schlagwerken auskommt, passend zu den Bewegungsmustern, denn auch die vier Mitspielerinnen sind an den Füßen durch Tannenzweige und andere Materialien an einer schnellen Bewegung gehindert. Die Szene hat den Anschein einer Schöpfungsgeschichte, in der die Göttin eine Welt der Frauen erschafft.

In „Freie Liebe“, der zweiten Szene, wird die Bühne von den improvisierenden Musikerinnen mit ihren Instrumenten übernommen. Mit überdimensioniertem Kopfputz, mit Brüsten und Sternen verziert, kommuniziert die Gruppe mit Raunchy Rita, einer Burlesque-Tänzerin, die sich in einem mit vielen Brüsten drapierten Mantel bewegt. Selbstironisch führt sie die klassischen Gesten ihres Genres vor, lässt den Mantel fallen, schmeißt „Brüsteballone“ in das Publikum. In der „Geste des Gebens“ (laut Programmheft) soll auch hier der Kosmos beschworen werden, wie ein mythisches Auge im Hintergrund der Bühne suggeriert. In einem ständig anschwellenden Crescendo werden die verschiedenen Formen der Liebe in Bewegung und Rhythmus gegenwärtig.

In der dritten Szene agiert wiederum eine mythische Figur, Klotho, die die Lebensfäden spinnt. Zu der Komposition von Meike Senker ertastet und bewegt die bildende Künstlerin und Performerin Mimosa Pale eine Skulptur, die die Strukturen eines Diamanten, der „Träne der Göttinnen“, widerspiegelt. Vorsichtig tastet sich die Spielerin an den Gegenstand, setzt ihn in Bewegung, lauscht den Tönen nach, bis sie beginnt, Fäden, an denen kleine Rhythmusinstrumente hängen, über die ganze Bühne zu spannen, so dass am Ende spiegelbildlich die Struktur des Diamanten die Bühne beherrscht. In „Kraft des Fleisches“, einer Szene, zu der Teresa Grebchenko die Musik komponierte, geht es um physische Kraft. Sabrina Schray verkörpert eine „starke“ Frau, übertrumpft von einem Trommelsolo, das dem traditionellen japanischen Nō-Theater nachempfunden ist, und einem aggressiven Spiel von Trommeln sowie dem Klang zersplitternder Fliesen.

Aus vier Perspektiven entwickelt „Göttinnen“ mit unterschiedlichen performativen Formaten seine Wirkung; sie entsteht aus dem Zusammenspiel von Musik und bildender Kunst, ergänzt durch tänzerische Bewegungsformen. Leitmedium ist allemal die Musik, die eine magisch-mythische Welt beschwört. Und überdies unterhaltsam bleibt!

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