Ähnlich wie unlängst Christof Loy im Theater an der Wien zeigt Tilman Knabe Grimes als verkappten Homosexuellen, der seinen Drang nach (sehr jungem) Fleisch vergeblich zu bekämpfen versucht. Loy stellte der Titelfigur einen halbnackten Tänzer an die Seite, unterstellte Grimes‘ Vertrauten Balstrode ebenfalls schwule Neigungen und zeigte Ellen Orford als völlig unerotisches Wesen. Grimes geriet hier zur tragischen Figur, deren Schicksal von Anfang an klar war. Knabe hingegen zeigt das messerscharfe Psychogramm eines ständig mit sich und gegen die anderen kämpfenden Mannes, der mehr und mehr vom Rausch seiner dunklen Gefühle überwältigt wird und einen Jungen tatsächlich brutal abschlachtet. Peter Marsh beglaubigt das darstellerisch und vokal überragend, Emily Newton singt und spielt Ellen Orford mit unglaublicher Intensität und feinsten Nuancen. Stark sind auch Sangmin Lee als Balstrode, Fritz Steinbacher als sinistrer Fischer Boles, Hannes Brock als von sehr eigenen Dämonen verfolgter Pfarrer, Martina Dike als geiferndes, sich am Unglück ihrer Umgebung erregender Witwe Mrs. Sedley.
Gabriel Feltz entzündet am Pult der Dortmunder Philharmoniker ein Feuerwerk von Farben, besonders eindringlich geraten die instrumentalen Zwischenspiele, die Knabe auch als Seelenk(r)ämpfe etwa von Grimes versteht, ihn vor dem schwarzen Vorhang zuckend, elendig um Leib und Seelenheil ringen lässt. Annika Hallers tolle Bühne, Eva-Mareike Uhligs elegante Schmuddel-Couture, auch der von Manuel Pujol nahezu perfekt einstudierte Chor tragen zu diesem intensiven Abend bei – nicht weniger als ein Gesamtkunstwerk.
