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Konzeptekunst

Richard Wagner: Die Walküre

MusiktheaterPremiere: Theater: Staatsoper Stuttgart
Regie: Hotel Modern / Urs Schönebaum / Ulla von Brandenburg  Musikalische Leitung: Cornelius Meister   Foto: Martin Sigmund 
Von Bernd Zegowitz am 11.04.2022

Vor mehr als zwanzig Jahren erregte die Staatsoper Stuttgart dadurch Aufsehen, dass Richard Wagners Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ von vier unterschiedlichen Regisseuren inszeniert wurde. Heute versucht dasselbe Haus an den damaligen Erfolg anzuknüpfen und geht sogar noch einen Schritt weiter. Der erste Abend des Bühnenfestspiels wird nämlich auf drei Regieteams verteilt, von denen jedes jeweils einen Akt der „Walküre“ in Szene setzt. Zumindest in der Konzeptionsphase seien alle drei Teams über diese Aufteilung glücklich gewesen, sagt das Programmheft. Für die Zuschauer gab es an Glücksmomenten allerdings nicht so viele. Zu gefangen sind die Regisseurinnen und Regisseure in ihren Konzepten, ihren ganz eigenen Bild-, Licht- und Raumwelten, zu wenig interessieren sie sich für die Menschen auf der Bühne, die vor allem positioniert und verschoben werden und ansonsten sich selbst überlassen bleiben.

 

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Landschaftstheater


Das niederländische Theaterkollektiv Hotel Modern arbeitet normalerweise mit fingergroßen Puppen in einer Art Figurentheater. Für den ersten Akt der „Walküre“ hatten Pauline Kalker, Arlène Hoornweg und Herman Helle rechts und links der Bühne Tische mit kleinen, gut ausgeleuchteten Landschafts- und Stadtmodellen aufgebaut. Für die Zuschauer wird das Geschehen dort und teilweise auch auf der Bühne mit Handkameras abgefilmt und auf eine Leinwand in der Bühnenmitte übertragen. Die Bilder zeigen anfangs eine vom Krieg zerstörte, menschenleere Städtelandschaft, später einen Winterwald, in dem zarte Pflänzchen zu grünen beginnen – mehr Lenz gibt es nicht –, und zuletzt wieder eine karge Eislandschaft. In der Mitte der Bühne steht ein verdorrter Baum, ein Stuhl ist der Quell, aus dem Siegmund und Sieglinde trinken. Doch bevor die beiden auf die Bühne kommen, flieht eine kleine künstliche, an einer Schnur befestigte Ratte, verfolgt von mehreren anderen Ratten, über die Bühne und findet Schutz in der Nähe des Baumes. Die Verfolger verlieren ihre Spur, eine zweite freundliche Ratte kommt dazu. Dann erst erscheinen Siegmund und Sieglinde mit Rattenköpfen – als wäre die Analogie nicht deutlich genug.


Die gefilmten Bilder sind, von zerfleischten Rattenkörpern mal abgesehen, trotz der Zerstörung und Ödnis von großer Schönheit, vermitteln Verlassenheit und Ruhe, aber das auf eine reduziert und zunehmend eintönige Weise. Als Kontrast zu dem, was zwischen Siegmund und Sieglinde emotional abläuft und was die Musik erzählt, funktioniert das nur eine Zeitlang gut. Zum Stillstehen verdammt, sind Michael König und Simone Schneider ein grandioses Geschwisterpaar. Er mit wunderbar geführtem, ungemein verständlichem, variablem, frei strömendem Tenor, sie mit großem, überwältigendem Sopran.

 

Schwarze Messe


Den zweiten Akt hat der Lichtdesigner Urs Schönebaum übernommen. Seine Personenregie ist nahezu ebenso statisch wie die im ersten Akt, sein Interesse gilt dem Licht und der Architektur. Sieben Türme, die wie Stahlkonstruktionen anmuten, werden in immer neue Konstellationen gebracht und zitieren immer wieder andere Formen von Architektur. Mal sieht es aus wie ein Museum, in dem Wotans geschnitzter Gesetzestext ausgestellt wird, mal wie eine verfallene Kirche, in der eine schwarze Todesverkündigungsmesse zelebriert wird, mal wie ein Winterwald, in dem Siegmund von Wotan abgeschlachtet wird – Übertötung nennt man das wohl. So beeindruckend die einzelnen Bilder sind, so ermüdend ist die Personenführung. Sängerisch kann dieser Akt an den ersten nicht anknüpfen: Annika Schlicht ist eine vor allem laute Fricka mit argen vokalen Verfärbungen und Brian Mulligan ein mit allem gänzlich überforderter Wotan. Nur Okka von der Damerau, die ihr Brünnhilden-Debüt gibt, macht ihre Sache wirklich gut, singt wortverständlich, mit voluminöser Stimme, fundierter Mittellage und gestalterischem Ehrgeiz.

 

Brünnhildes Mondfahrt


Vor allem bunt geht es im dritten Akt zu, den die Malerin, Grafikerin, Installations- und Bühnenkünstlerin Ulla von Brandenburg zu verantworten hat. Formen und Farben dominieren sowohl im Bühnenbild als auch den Kostümen. Auf gewelltem Untergrund, vor gewelltem modifizierbarem Hintergrund bewegt sich das Geschehen. Rot und blau dominieren, ein wenig schwarz kommt hinzu, seltener auch grün. Virtuos jonglieren die wunderbaren Walküren mit ihren Speeren, finden sich zu immer neuen Konstellationen zusammen, werden schließlich vertrieben. Zurück bleiben der ein wenig ziellos umherstreifende bzw. -stehende Wotan und seine Tochter Brünnhilde. Die legt sich zuletzt zum tiefen Schlaf auf die Bühne, während ihr Double in einen mondartigen Lichtreif am Himmel gezogen wird und dortselbst selig schlummert. An den, der sie einst wecken wird, denkt sie mit Sicherheit nicht.

 

Extreme Tempi


Cornelius Meisters „Walküren“-Dirigat hat große Momente, vor allem in den emotional aufgeladenen Szenen, dem aufgerauten Vorspiel, dem prächtigen Schluss des ersten Aktes und auch im sogenannten Walkürenritt, in dem das rhythmische Gerüst der Streicher immer hörbar bleibt und nicht vom Blech übertönt wird. Problematisch sind aber gerade die extrem langsamen Tempi, die Meister immer wieder anschlägt, so in der Todesverkündigung oder in Wotans großem Monolog im zweiten Akt. Da verhungern nicht nur die Sänger, sondern auch der Orchesterklang zerbröselt, die Intonation leidet und die Einsätze sind verwackelt. Die Stuttgarter „Walküre“ mit drei Regieteams, die vor allem Konzepte im Kopf haben, bleibt ein nicht ganz ehrenwerter Versuch, an vergangene Erfolge anzuknüpfen. Dafür wird als nächstes sogar der alte „Siegfried“ aus dem Jahr 1999 reanimiert.

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