Der sagenumwobene Alpenkönig, von Christian Taubenheim mit eisigem Blick und güldener Pappkrone ausgestattet, will nur ein wenig mit seinem Ruf als Schreckgespenst spielen. In Wirklichkeit hilft er zerrütteten Familien beim Sturz solcher Haustyrannen wie dem reichen Herrn Rappelkopf. Das ist ein wutschnaubender Sonderling mit Generalverdacht gegen jedermann, voller Angst um Geld und Leben. Heimo Essl spielt ihn mit der lauernden Unverschämtheit des Mächtigen, lenkt den Salon-Borderliner wie eine Dampfwalze über alle Gefühlsregungen hinweg. Frau, Tochter, Schwiegersohn und Dienerschaft sind einfach platt. Da müssen höhere Mächte ran. Also lässt der Alpenkönig den Menschenfeind ins eigene Spiegelbild schauen. Er tauscht mit ihm die Rollen und gibt nicht eher Ruhe, bis es dem Rappelkopf vor sich selbst graust. Danach kann der pensionierte Grantler auf emotionale Rendite warten.
Raimunds „romantisch-komisches Original-Zauberspiel“ hat nicht den aufsässigen Parodie-Humor von Johann Nestroy, denn dem Autor stand bei aller operettenseligen Kalauer-Freude der Sinn nach höherer Naivität. Georg Schmiedleitner sucht in diesem Geflecht von Poesie und Schwadroniererei etwas zu schnell den scharfen Ton, der den Schmerzpunkt der Erheiterung wach kitzelt. Das ist im Gemenge von Dialog-Geschossen und Frontal-Reimen (Waidmannslust auf Jägersbrust) gar nicht so einfach, gelingt aber mit anhaltender Lust am komödiantischen Detail bei allen Darstellern erfreulich oft. Wenn etwa der Kleinkrieg der Dienerschaft (Julia Bartolome als giftspritzend krähendes Stubenmädchen und Pius Maria Cüppers in der minderwertigkeitskomplexen Pose des „zwei Jahre in Paris gewesenen“ Butlers sind eine Wonne) wortgewaltig ausbricht, könnte das auch ein Casting fürs „Unterschichten-Fernsehen“ sein. Was freilich auch das Maß der Glaubwürdigkeit dieses Bühnen-Personals widerspiegelt.
Den tätschelnden Trost von Couplets gibt es nicht in dieser Inszenierung, die ihre Grundsatz-Radikalität nicht einseifen lassen möchte, dafür Soundtrack nach Maß: Bettina Ostermeier und Paul E. Braun ziehen als lebende Tonspur mit Quetsche und E-Gitarre zielsicher durchs Spektakel und lassen die Tuba tuten als ob Siegfrieds Drache gleich um die Gebirgs-Ecke biegen würde. Das ganze Ensemble (mit Nicola Lembach, Anna Keil, Philipp Weigand, Daniel Scholz, Tanja Kübler und Thomas L. Dietz) findet im offenen, für schwindelerregende Luftsprünge aufgeschlossenen Bühnenbild von Florian Parbs entspannt zum wienerisch aromatisierten Tonfall, der geradezu eine Hommage ans Original ist. Am Ende bekommt der Rappelkopf sogar das verloren geglaubte Geld von der Bank zurück. Man hat es schon während der Aufführung allen Schmiedleitner-Aktionen trotzend geahnt und weiß es nun ganz sicher: Es ist halt doch ein Märchen.
Der Beifall war groß, man amüsierte sich über alle Attacken hinweg köstlich. Bis zu Martin Kusejs Zugriff könnte es also noch etwas dauern.
