Foto: Ensemble in „Mokka-Hits und Milchbar-Träume” © Jan Windszus Photography
Text:Georg Kasch, am 15. Juni 2026
Die Komische Oper Berlin pflegt erneut das heitere Musiktheater der DDR: „Mokka-Hits und Milchbarträume” ist eine Revue mit Songs, die Regisseur Axel Ranisch und Dirigent Adam Benzwi mit klugen Brüchen auf die Bühne bringen.
Das ist dann doch eine Überraschung: Wenn die Mauer fällt, heißt es nicht „Wind of Change“ oder „Sonderzug nach Pankow“. Sondern „Time to say goodbye“: „Wenn ich alleine bin, träume ich zum Horizont und mir fehlen die Worte…“ Dazu steht der Chor verwundert in den Jeansklamotten der 80er Jahre herum, einige wagen sich tastend, verwundert durchs Mauerloch. Immer pathossatter klingt das Orchester, stimmt der Chor ein: Zeit, auf Wiedersehen zu sagen einem Land, das 40 Jahre lang in seinen Widersprüchen existierte.
Das heitere Musiktheater der DDR
Um diese Widersprüche geht es in „Mokka-Hits und Milchbarträume”, einer Revue mit Songs der DDR, die Regisseur Axel Ranisch und Dirigent Adam Benzwi an der Komischen Oper Berlin zwischen Lebenshunger und Alltagstristesse servieren. Dabei markiert der Abend zunächst eine Leerstelle. Eigentlich wollte die Komische Oper nach ihrem umbaubedingten Umzug ins Schillertheater über mehrere Jahre das heitere Musiktheater der DDR zur Disposition stellen – im Spiegelzelt vorm Roten Rathaus. Das hat nur einmal geklappt, und zwar fulminant: Gerd Natschinskis „Messeschlager Gisela“ wurde, musikalisch sachte entstaubt und auf der Handlungsebene leicht gequeert, zum Sommerhit. Dann kamen die Berliner Einschnitte in den Kulturetat, die Komische Oper opferte eine Produktion pro Spielzeit, und weil das Zelt teuer war, traf es, genau, die musikalische Komödie. 2025 war Natschinskis „Mein Freund Bunbury“ geplant – um das zu erleben, musste man nun in Städte wie Annaberg-Buchholz fahren.
Nun hat das „Gisela“-Team um Ranisch und Benzwi keine „musikalische Komödie“, sprich: Ost-Operette auf den Plan gesetzt, sondern eine Revue mit populärer Musik: viel Schlager, gewürzt mit kritischen Liedern, Hymnen, Kabarett-Szenen, die von 40 Jahren DDR erzählen, vom Aufbaugeist der 50er, von Mauerbau und Prager Frühling, Tauwetter-Optimismus und Post-Biermann-Ausbürgerungs-Depression. Auf den ersten Blick wirkt das wie eine Mogelpackung, als wolle die Komische Oper hier mit einem Abend den eigenen Anspruch der Ost-Operetten-Wiederentdeckung begraben – und zugleich einen Publikums-Magneten schaffen.
Unbeschwerte Hits und Kontraste
Doch ziemlich schnell wird klar, dass dieser Revue etwas Seltenes gelingt: die Unbeschwertheit der Hits zu feiern als die Version eines besseren Deutschlands. Und zugleich zu zeigen, dass die Realität anders aussah. Einmal sagt Schauspieler Thorsten Merten, der kritische Geist (aka: Nörgler) der Produktion, sinngemäß: In so einer DDR hätte er auch gern gelebt. Also in der von Gerd Natschinskis „Die Welt, in der ich glücklich bin“, in der das Orchester einen so euphorisch treibenden Rhythmus erschafft, die Streicher jauchzen, das Blech optimistisch strahlt und Gisa Flakes Stimme noch heller strahlt als einst die von Gisela May, dass man von diesem Optimismus unbedingt mitgerissen wird.
Aber da gibt’s eben auch die Kontraste. Kabarettistisch genaue wie „Die zweite Schicht“, in der Flake davon singt, dass die Frauen in der DDR offiziell gleichberechtigt waren, die Care-Arbeit aber komplett an ihnen hängenblieb. Oder die Nachricht vom ersten Mauertoten Günter Litfin, die der Chor mit einem so zärtlich sanften Arrangement der „Kinderhymne“ von Bertolt Brecht und Hanns Eisler kontrastiert: „Dass ein gutes Deutschland blühe wie ein andres gutes Land.“
Große Revue mit stilisierter Mauer
Optisch will Ranisch die große Revue und hat sich von Saskia Wunsch eine bühnenfüllende Freitreppe bauen lassen, in die die Plätze für das kleine Orchester eingefügt sind. Vorne links sitzt die Band, in deren Mitte am Flügel Benzwi alle Fäden zusammenhält. Ganz hinten hebt und senkt sich der Lametta-Vorhang und gibt irgendwann den Blick frei auf die stilisierte Mauer, die zur Projektionsfläche werden kann.
Vorne spielen die Kabarett-Nummern (aus verschiedenen „Distel“-Programmen), vorne singen sich auch Maria-Danaé Bansen mit göriger Energie, Mirka Wagner mit Jubel-Höhen und Johannes Dunz mit Tenor-Schmelz durch die Nummern, und Nico Holonics fügt allem eine gute Prise Lebenshunger hinzu. Alfred Mayrhofer findet für jede Epoche neue sprechende Kostüme zwischen Pettycoat und Staubmantel, sehr kurzen Hosen und Einheits-Jeans, Biederkeit und Glamour.
Musikalisch hat Benzwi den Abend souverän im Griff. Was dieser Mann anfasst, wird zu Gold, ob an der Komischen Oper oder am Berliner Ensemble. Auch hier hat er sehr feine Arrangements geschaffen, lässt den Chor strahlen, entlockt dem Orchester kraftvolle Bigband-Farben, begleitet die delikatesten Momente allein am Klavier. So veredelt er auch harmlosere Ohrwürmer wie das titelgebende „In der Mokka-Milch-Eisbar“ und „Heißer Sommer“. Viele Nummern aber gibt es, die einen unmittelbar anrühren in ihrer Sehnsucht, weil die Texte von heute sein könnten. Wie Wolf Biermanns „Ermutigung“: „Du, lass dich nicht verbrauchen, gebrauche deine Zeit. Du kannst nicht untertauchen, du brauchst uns und wir brauchen grad deine Heiterkeit.“
Diese Heiterkeit dominiert, aber eben immer nur bis zum nächsten Bruch. Der Abend beginnt und endet leise, nachdenklich. In seinen besten Liedern zeigt sich der Anspruch eines Staates, der die bessere Alternative sein wollte. „Mokka-Hits und Milchbar-Träume“ verneigen sich tief vor der künstlerischen Leistung, weinen aber in einer Zeit, in der die AfD die DDR zum Vorbild für ganz Deutschland erheben will, dem untergegangenen Staat keine Träne nach.