auf einer Treppe mit Berglandschaft fläzen vier Schauspieler:innen

Team Zehner

Fayer Koch: Zehner

Theater:Theater Konstanz, Premiere:13.03.2026 (UA)Regie:Sergej Gößner

Mit „Zehner“ hat Autor:in Fayer Koch gemeinsam mit jungen Menschen am Theater Konstanz ein Auftragswerk entwickelt, das sich um politische Teilhabe dreht. Mit dem assoziativen Text und wandelbaren Spiel des Ensembles eröffnet Sergej Gößners Inszenierung ein breites Empfindungs-Spektrum.

„Zehner ist ein Gefühl“, sagen Dario, Naila und Jansi zu AC (Ann-Cathrin), „es geht auch um Gefühle AC kapierst du das?“ Das Zehner nämlich, also eigentlich der ganze Sprungturm im Strandbad Wallhausen, wird geschlossen. Warum? Wegen Haushaltkürzungen: Keine Mittel, keine Aufsichtsperson, also auch kein Zehnmeter-Sprungbrett im Schwimmbad. So geht der von Fayer Koch für Konstanz im Frühjahr 2025 imaginierte Plot, der seit dem Herbst und der von der Stadt verhängten allgemeinen Haushaltssperre gar nicht mehr so fiktiv scheint.

Einmal im Jahr hat das Theater Konstanz seit Karin Beckers Intendanz im Abonnement eine Inszenierung für junges Publikum integriert, 2025 war das „Faust. Der Tragödie nächster Fail“ von Juli Mahid Carly. „Zehner“ hat noch eine andere Besonderheit: Schon im Entstehungsprozess und in der Probenarbeit wurden junge Menschen des JuKuKo (Junges Kultur Komitee), dem Jugendbeirat des Theaters, mit einbezogen, 15 Personen zwischen 12 bis 18 Jahren. Koch war als Autor:in beim ganzen Prozess dabei, besprach den Inhalt und Entwürfe gemeinsam mit dem Team, das auch beim Probenprozess mit Regisseur Sergej Gößner und den Schauspielenden regelmäßig dabei war.

Dementsprechend ist das Foyer des Theater Konstanz am Premierenabend auch mit vielen jungen Menschen gefüllt. Und das Stück startet gleich mit einem Gefühl von Sommersehnsucht. Alicia Bischoff, Jonas Pätzold, Kristina Lotta Kahlert und Julius Engelbach fläzen auf einem Treppengerüst. Darauf aufgespannt ist ein Foto vom Bodensee mit rosa Horizont und Alpenblick. Die Sonne scheint vom Himmel zu brennen, von einer imaginären JBL-Box dudelt Musik, klingt später auch der entspannte Sound von Manu Chao (Musik: Valentin Schroeteler).

Die Zukunft versprechen

„Seid ihr schonmal irgendwo von einem Zehner?“, fragt AC. Zögerndes Nicken. „Ich war mal auf einem, da hat man bis zum Meer gesehen“, flunkert Jansi. Genau darum geht es eben beim Zehner: Um ein Gefühl von Weite, dem Mut, Unerreichbares zu erreichen. Oder um eine Schwelle findet Ann-Cathrin, eine Schwelle zwischen der Zukunft von ihnen als Kindern und Erwachsenen. Und die ist jetzt weg, weggekürzt. Doch während die anderen drei diesen Umstand mehr oder weniger akzeptieren, ist sie pissed. Dass das einfach so geht, dass sie da kein Mitspracherecht haben. Dass der Sprungturm geschlossen, dafür aber ein neues Einkaufszentrum gebaut werden soll? Direkt neben dem alten, nur in bio. Also beginnen Jansi, Naila und Dario Geld zu sammeln, dann Unterschriften, drehen ein Video, landen in der Zeitung und dann im Büro des Bürgermeisters, der zähneweiß grinsend verspricht, sie gehört zu haben und das zu prüfen. Thumbs up. Doch was entgegen den Hoffnungen der vier nun passiert, ist, nicht ganz schwer vorauszusehen: nichts.

Vier Darsteller:innen auf einem Treppengerüst halten die Hände zusammen

Alicia Bischoff, Jonas Pätzold, Kristina Lotta Kahlert, Julius Engelbach. Foto: Ilja Mess

Lukas Fries‘ Bühne fokussiert auf das drehbare Treppengerüst, auf dessen Stufen und Unterbau das Ensemble spielt, mal im Klassenzimmer mit der ach so stolzen Lehrerin, die ja auch sehr gegen die Kürzungen ist und ein Bewusstsein schaffen will. Politisches Engagement, das sei eben nicht nur für Erwachsene. Nach und nach legt das Ensemble das Treppengerüst frei, reißt die Stoffbanden von den Stufen. Weg mit dem Kindheit-Kitsch, jetzt ist Ernst angesagt?

Es geht um ein Gefühl

Der Text und das wandelbare Spiel des Ensembles, das aus den Rollen des Vierer-Teams spielend leicht in weitere Rollen wechselt, reichen vom Cringe-Gefühl und der Fremdscham, sich wirklich für sowas zu interessieren, für so Politik und so, bis hin zum Stolz, da was zu erreichen, als Team füreinander und eine Sache einzustehen. Die Sprache ist assoziativ, eröffnet wie der Titel ein Empfindungs-Spektrum.

Die Inszenierung will dabei gar nicht irgendwo hin, präsentiert keine Lösung, kein Happy End oder eine Message. Das Ende kommt auf der Demo in der Stadt, wo sich die vier mit dem aus einem geklautem Rewe-Einkaufswagen selbstgebauten Zehner-Sprungbrett (eher anderthalb Meter) Gehör verschaffen wollen, dann aber etwas plötzlich. Doch steht im Vordergrund der Inszenierung das dicke freundschaftliche Band, das durch die gemeinsame Mission noch gewachsen ist. Denn mit The Verves „Bittersweet Symphony“ im Hintergrund und mit der Aussicht von da oben und der Möglichkeit, etwas erreichen zu können, fühlt sich das „Team Zehner“ halt schon ein bisschen episch.