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Kleist. Eine Überforderung

Anne Tismer/Michael Vogel: Heinrich von Kleist. Short Cuts. Die Familie Schroffenstein

CrossoverPremiere:  Theater: Westflügel Leipzig
Regie: Hendrik Mannes   Foto: Thilo Neubacher 
Von Tobias Prüwer am 25.08.2016

"Raus aus dem Kleistgefängnis", stöhnte einmal der Wiener Figurenspieler Christoph Bochdansky ob der Fixung auf Kleists Lobeshymne "Über das Marionettentheater". Hinein in ein Kleistgefängnis führt ein Figurentheater-Experiment des Leipziger Westflügels an einem alle fordernden Abend, der nie wieder zu sehen sein wird.

Versuchsfeld und Experiment sind Vokabeln mit denen oft floskelhaft im Theater hantiert wird. Hinsichtlich "Heinrich von Kleist. Short Cuts. Die Familie Schroffenstein" treffen sie wirklich zu. Nach nur drei Probetagen zeigen die Spieler Anne Tismer und Michael Vogel (Regie: Hendrik Mannes, Mitarbeit: Antonia Christl) Heinrich von Kleists Erstlingswerk als Puppen-Tryout. Ihre Strichfassung der an Shakespeares "Romeo und Julia" orientierten Tragödie verschränken sie mit Briefen, in denen sich der Dramatiker mit seiner zwischenzeitlichen Verlobten Wilhelmine von Zenge austauscht. Die Liebe sollte genauso zerbrechen, wie sich im "Schroffenstein"-Text das Schicksal der Verliebten Agnes und Ottokar im Tod erfüllt. Sie gehörten einander verfeindeten Familien an.

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So richtig um den Stoff geht es in der vorgelegten Tour de Force aber gar nicht. Er ist loses Vehikel, um Ideen auszuprobieren und dem künstlerischen Kurzzeitintermezzo zu frönen. Denn allein darum geht es in diesem Unterfangen: der Spontanität freien Lauf zu lassen. Kleist pries in seiner theoretischen Marionettentheater-Schrift die Möglichkeiten des Figurenspiels. Die Darstellung menschlicher Geschicke mit totem Material sei ein Arbeiten auf hohem Abstraktionslevel, wodurch die allzu menschlichen Konflikte oft besonders deutlich würden. Im Westflügel hingegen blieben Konflikte vage, die Kunst, tote Körper zu beseelen, verliert aber dadurch nichts von ihrer Faszination.

Zu Beginn wie im Schlussbild türmen sich die Figurenleiber auf einer langen Tafel zu einem Haufen. Ihre Optik lässt sich am ehesten als Mixup aus Rizzi-Pop-Art, Pokémon und Zombie vs. Plants beschreiben. Die ungelenken quietschbunten Körper strahlen halbernste Monstrosität aus, sie verlieren immer wieder die Köpfe. Munter rollen ihre heraus gefallenen Augen über Tisch und Boden. Während Anne Tismer vorwiegend mit wechselnden Stimmen aus dem Manuskript vorträgt, animiert Michael Vogel seine selbstgebauten Gliederpuppen-Ungeheuer. Aus kleinen Gesten und grobschlächtigen Verrenkungen setzt sich so der skurrile Reigen zusammen. "Wo sind die Augen?": Immer wieder zeigen sich beide auch von Figuren und Material überfordert. Dabei bleiben sie aber grundsympathisch in ihrer Spiellust, dass die Freude am Zusehen dem Publikum nicht vergeht. Denn natürlich hat der hundertminütige Abend Hänger und Wackler, ist die Dramaturgie nicht rund. Aber man bekommt einen Einblick in den Schöpfungsprozess dieser Theaterform, erkennt keimende Ideen, erlebt, wie Mensch und Puppe zusammenfinden. Das ist ein einmaliger Moment, der diese einmalige Aufführung zum Gewinn macht. Experiment gelungen, Material tot.

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