Im Gezerre um Koalitionen setzt sich „die Neue“ noch durch, aber schon mit Blessuren; dann muss sie immer wieder immer schlimmere Kompromisse schließen – zunächst mit bräsigen Hinterbänklern, dann auf der Weltbühne. Wie lange schon ist Grönland (das dänische Staatsgebiet!) Durchgangsstation für Guantanamo-Häftlinge? Für diese Frage setzt sie ein Treffen mit Barack Obama aufs Spiel. Wer zieht die Strippen hinter Nyborgs Friedensinitiative in Afrika? Da begibt sie sich in die Abhängigkeit von einem Groß-Industriellen mit Interessen vor Ort. Womit wurde ihr Verteidigungsminister bestochen, um bestimmte Flugzeuge einzukaufen? Nicht dieses Kabinettsmitglied, sondern die Karriere des eigenen Gatten opfert die nunmehr eiserne Lady – er muss den Top-Job in der Wirtschaft hinschmeißen, weil der neue Arbeitgeber mit verdient an den Flugzeugen.
Das ist der Sargnagel für die eh längst schwer beschädigte Familie; die Kinder sind schon in psychiatrischer Behandlung … am Ende der Bühnenfassung (mit gut einem Drittel der Motive aus den 30 Serienfolgen) hält die zerschundene Frau Nyborg im Parlament noch mal eine Art Blut-Schweiß-und-Dänen-Rede – und siegt. Fortsetzung folgt.
Die Bühne profitiert erstaunlich wenig von dem Stoff – weil er so prinzipiell flach wie auf dem Bildschirm bleibt, wie schnell auch Szenen wechseln, wie viel Video-Optik auch im Spiel ist. Vieles bleibt eher naiv, und an den politischen Knack-Punkten geht die Fabel kaum anders vor als eine Telenovela in – sagen wir mal – Brasilien. Das Haar ist recht lang, an dem vieles hier herbei gezogen wird. Besonders grotesk geraten die Momente, wo Nicolas Stemann dem zunehmend besinnungslosen szenischen Geschwindschritt mit ständig wechselnden Rollen Kommentare unterlegen will – da analysieren dann die altklugen Kinderlein gut neo-marxistisch, dass die aktuellen Fluchtbewegungen zwar auch Kriegen, vor allem aber der Arbeitsmigration geschuldet sind; jetzt kommen uns halt die Armen besuchen, sagen sie, die bis jetzt unter der Knute unserer wirtschaftlichen Übermacht darbten. Die Globalisierung schlägt zurück. Daran mag viel Wahres sein – bei den lieben Kleinen ist das aber nicht gut aufgehoben, zwischen Hysterie und Bettnässerei.
Und auch die Bindung von Frau Nyborgs politischem Überlebenskampf an die Niederungen und Abgründe von Presse, Funk und Fernsehen eröffnet nur Nebenkriegsschauplätze, schafft zudem noch mehr Rollen für nur vier Stück Haupt-Personal – das lenkt eher ab von den zentralen Fragen an die Politik: Wozu ist sie gut, wenn sie ohne Mehrheit bleibt? Lässt sich mit falschen Mitteln Richtiges bewirken – und umgekehrt? Ist Vision ohne Pragmatismus möglich – und wiederum umgekehrt? Und hat „das Volk“, Heinrich Heines „großer Lümmel“, tatsächlich Besseres verdient, als es bekommt?
Bevor am Ende und im Video gröhlende Horden in die Szene brechen, „Wir sind das Volk!“-Chöre, wie damals 1989, aber hier und heute mit ganz anderen völkischen Zielen, gibt’s noch eine wirklich kluge Szene: Frau Nyborgs nunmehr geschiedener Gatte entdeckt auf den großen Teleprompter-Bildschirmen, die (wie öfter bei Nicolas Stemann) das Soufflieren ersetzen, all die Regie-Anweisungen, denen er den ganzen Abend über gefolgt ist. Das will er nicht mehr. Aussteigen will er aus der Medien-Klappse! Er zieht den Stecker, der Schirm wird schwarz – und noch zuletzt tut der Mann genau das, was der Schirm ihm aufgetragen hat.
An Flucht ist nicht zu denken. Fürs erste auch nicht für die Politik, wie sie ist.
