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Kassel am Ende

Boris von Brauchitsch: Im tiefen Tal der Todeskralle

Premiere:  (UA)   Theater: Staatstheater Kassel
Regie: Patrick Schlösser   Foto: Matthias Jung 
Von Michael Laages am 23.05.2014

Was wir insgeheim schon lange ahnten, spätestens seit Yasmina Rezas Erfolg mit „Kunst“: „Kunst“ kommt von „Kunde“, von nichts sonst. Mit Sottisen wie dieser hat der Berliner Kurator und Kunsthistoriker Boris von Brauchitsch einen Theatertext gespickt, der nur in Kassel uraufgeführt werden konnte – denn er hat die documenta zum Thema, die 1955 gegründete „Weltkunstschau“, die nach Abschaffung der Fünfjahrespläne selbst in China als letzte dieser Art gelten kann: Weil sie alle fünf Jahre die eher unscheinbare Stadt in Nordhessen zum Nabel der Kunst-Welt werden lässt.

„Im tiefen Tal der Todeskralle“ klingt stark nach Rene Pollesch, ist aber ganz von Brauchitsch – und in der Inszenierung von Patrick Schlösser, der sich damit als Schauspiel-Chef in Kassel verabschiedet, am Ort des Geschehens ein kleiner Knüller. Auch wenn die Konstruktion leicht hybrid geraten ist.

Die Geschwister Grimmberger bereiten gerade die „documenta“ für das Jahr 2027 vor; und über die sehr extravaganten Ideen der beiden hinaus (Keine Künstler; nur noch erfundene! Und keine Werke mehr, nur noch Fiktionen!) steckt das Stück voller historischer Details zur Geschichte des Kunstfestes. Dafür sorgt PR-Manager Gollinger, der als Kasselaner Urgestein wirklich alles über die „documenta“ weiß (auch, wie sie eigentlich zum außergewöhnlichen Namen kam) und im übrigen haltbare Beziehungen zur Medien-Mogulin Tutti Schnorr pflegt.

Auf der Suche nach einem erfolgversprechenden Marken-Signet für die „documenta 16“ ersteigern die Geschwister in London ein blaugeädertes Ei, eher ein Doppel-Ei, Testikeln nicht ganz unähnlich, das aus dem Phantasie-Land Aloppachstan stammt und dort dummerweise heilig ist – durch Intervention eines aloppachischen Agenten und der Briten platzt dieses Ei; und schlussendlich sorgt britischer Druck dafür, dass die „documenta“ 2032 in England stattfindet. Bye-bye Kassel!

Hybrid, wie gesagt, vielleicht sogar überkonstruiert – aber die Kunst-Farce will es so. In Miron Schmückles opulentem Bühnen-Salon (mit ganz viel Teppichen und Vorhängen, feinem Mobiliar und einem todeskrallenmäßigen Radio, das auf Zuruf Meldungen von anno 2027 absondert, etwa die, das Guido Westerwelle Bundespräsident ist) beginnen Text und Spiel furios: mit dem Kunst-Diskurs der Geschwister, die der festen Überzeugung sind, dass nur noch vom Verschwinden der Kunst im Markt erzählt werden kann. Caroline Dietrich und Alexander Weise sind ein forciert spinnertes Paar, Uwe Steinbruch und Eva-Maria Keller, Gollinger und Schnorr, trotz aller Sachlichkeit im Kontrast nicht weniger. Franz Josef Strohmeyer als Jung-Künstler und Alopache komplettiert das animierte und animierende Team.

Später, in der Praxis zur Grimmberger-Theorie vom Verschwinden der Kunst und erst recht im Agenten-Krimi um das heilige Ei, geht von Brauchitsch und auch der Inszenierung ein wenig die Luft aus – aber dafür singt regelmäßig Mary Roos. Auch die, sagt Regisseur Schlösser, habe immer nur alle fünf Jahre eine neue LP vorgelegt.

Bilanz: ein freches Stück Kunst, ein starkes Stück Kassel. Nur leider ist „Im tiefen Tal der Todeskralle“ gerade darum überhaupt nicht nachspielbar – jenseits von Kassel.

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