Foto: Konflikt im wilden Westen. © Hannes Rohrer
Text:Anne Fritsch, am 15. Februar 2026
Regisseur Kieran Joel wagt am Stadttheater Ingolstadt eine Fortschreibung des Karl-May-Mythos und verknüpft in „Winnetou V“ gekonnt Unterhaltung und Diskurs.
Winnetou? Echt jetzt? Ja. Echt jetzt. Am Stadttheater Ingolstadt hatte gerade „Winnetou V“ in der Inszenierung von Kieran Joel Premiere beziehungsweise Uraufführung. Denn auch wenn Karl May ungeheuer viel schrieb: Seine Auseinandersetzung mit Winnetou endete mit Band IV. Was einen in Ingolstadt also erwartet, ist eine Fort- und Überschreibung, ein Weiter- und Nachdenken über einen der produktivsten, erfolgreichsten und auch umstrittensten deutschen Autoren. „Mit und gegen Karl May“ nennt Kieran Joel so auch sein Stück im Untertitel, in das er sich selbst als „der Regisseur“ eingeschrieben hat. Das Ergebnis ist ein Wild-West-Epos samt Lagerfeuerromantik, Schießereien und Kampf mit der wilden Natur auf der einen Seite, ein Ringen mit den Möglich- oder eben Unmöglichkeiten, diesen Stoff im Jahr 2026 auf eine Bühne zu bringen, auf der anderen. Alle Einwände, von kultureller Aneignung bis zu Trivialliteratur, werden live auf der Bühne verhandelt.
Vor dem Eisernen Vorhang stehen ein zweidimensionaler Sperrholz-Kaktus und ein sehr deutscher weißer Plastikstuhl, darum drapiert die gesammelten Werke Karl Mays – oder zumindest: sehr viele Werke Karl Mays. Auf die Bühne tritt Moritz Grove alias Old Shatterhand alias „der Regisseur“. Er setzt sich, nimmt sein Notizbuch zur Hand. Aus dem Off hört man ihn sagen oder denken: „Immer wenn ich an den Humanismus denke, da fällt mir die Fantasie ein.“ Beide seien wie „zwei einsame Reiter in der Prärie, beide hat man längst abgeschrieben“. Der Vorhang hebt sich, das Publikum blickt in seine Fantasien, die die Karl Mays sind: jede Menge „Westmänner“, die da in den letzten Zügen liegen, angeschossen, verwundet, sterbend wie der Humanismus. Ein starkes Bild.
Allen Einwänden zum Trotz
Die Sterbenden wollen wissen, was vorher war, wer sie gemacht hat, warum sie verletzt sind. Old Shatterhand outet sich als ihr Erzähler und Held dieser Geschichte, nimmt sie mit zurück an den Anfang dieser Reise, sechs Wochen zuvor. In einem Video sieht man den Regisseur an einer Bar hängen, im TV all die ernüchternden Nachrichten unserer Zeit, von Trump über AfD bis Kulturkürzungen. Der Regisseur hat den Glauben an die Kraft des Theaters verloren, trinkt Whisky, raucht und wird von frustrierten Schauspieler:innen zusammengeschlagen. Eine Szene wie aus einem Lucky-Luke-Saloon.
Hier wird nun Philip Lemke als „der Dramaturg“ auftreten, um den Regisseur zurück ans Theater zu holen. Er verlangt „eine große starke Erzählung über Humanität und Nächstenliebe in dieser dem Abgrund entgegenwankenden Realität“. Als der Regisseur ausgerechnet „Winnetou“ vorschlägt, ist der Dramaturg entsetzt. Er bringt alle gängigen Einwände vor und kommt schließlich auf die „Ethnie“ des Regisseurs zu sprechen. Doch als dieser einen „DNA-Herkunftstest“ vorlegt, der ihn zu 4,5 % als Apache ausweist, ist die Sache entschieden: Er darf das, das Blut Winnetous fließt in seinen Adern. Gemeinsam begeben sich also Regisseur, Dramaturg und Schauspieler:innen auf die Suche nach Winnetou.
Und wie Karl May irgendwann nicht mehr so genau unterschied zwischen Fantasie und Wirklichkeit und sich immer mehr mit Old Shatterhand identifizierte, so verwandelt sich auch der Regisseur auf der Bühne zunehmend in seinen Helden. Er erzählt seinen Mitstreiter:innen von seinen unglaublichen Abenteuern, in denen sie zu austauschbaren Statist:innen werden, zu „Humankapital in seiner Fantasie“. Es ist großartig, mitanzusehen, wie Moritz Grove sich in seinen Erzählungen immer neue Schwierigkeiten kreiert, die Situationen noch auswegloser und seine Taten noch heldenhafter werden lässt; wie er sich immer weiter reinsteigert in seinen idealisierten Heldenwahn.
Tiefgründige Unterhaltung
Matthias Gärtner, Philip Lemke, Anne Eigner, Sebastian Kremkow und Peter Rahmani sind dabei deutlich mehr als bloße Sidekicks: Sie entwickeln eigene Charaktere und Erzählungen, treiben die Handlung voran und stellen sie und das ganze Unterfangen immer wieder in Frage. Barbara Lenartz hat eine großartig improvisierte Ausstattung mit zweidimensionalen Aufstellern und Pferden entworfen. Der Wilde Westen Karl Mays war schließlich (zumindest die längste Zeit seines Lebens und Schreibens) ebenfalls ein Fantasiegebilde, ein bisschen Kinderfasching gepaart mit hehren Idealen.

Bühne für Diskussion mit Fantasie, Leichtigkeit und ganz viel Humor. Foto: Hannes Rohrer
Kieran Joel gelingt es, mit erstaunlicher Leichtigkeit und viel Humor nicht nur der aufgeladenen Diskussion um kulturelle Aneignung, Kolonialismus und Rassismus zu begegnen, sondern gleichzeitig sowohl die zwischenmenschlichen Spannungen innerhalb so einer Theaterproduktion als auch die Sehnsüchte des Autors sichtbar zu machen. Und so ist dieses Making-of Winnetou über weite Strecken eine so unterhaltsame wie tiefgründige Angelegenheit. Was hier abgeht, ist Handlung und Kommentar, Ebene und Meta-Ebene(n), Werk und Interpretation, Abenteuererzählung und philosophische Abhandlung zugleich. Und erstaunlicherweise ist das gar nicht konfus oder verkopft, sondern recht organisch.
Der Wilde Westen heute
Im zweiten Teil kommt dann die Gegenwart mit ihrem neuen Wilden Westen ins Spiel, mit Trump und seiner Einwanderungspolitik, der mexikanischen Grenze und ICE-Agenten: „Der Wilde Westen ist die Erzählung, mit der sich der US-Kapitalismus selbst legitimiert hat“, wirft Anne Eigner alias Owner ein. „Dieser Kapitalismus steht heute am Abgrund zum Faschismus.“ Trump selbst wird Old Shatterhand zum Duell fordern, es wird ein Kampf von Ideal versus Wirklichkeit, Humanismus versus Imperialismus.
Auch wenn sich die Inszenierung gegen Ende ein wenig zerfasert, weil sie natürlich keine Lösung anbieten kann für alle Probleme der Welt und sich schließlich wie Karl May auf fremde Fantasie-Planeten flüchtet. Auch wenn sich Regisseur Kieran Joel selbst irgendwann ein wenig im Karl-May-Kosmos verfranzt wie dieser in seinen Wild-West-Träumen. Auch wenn seine Held:innen am Ende statt des echten Winnetous doch wieder nur sein filmisches Abbild Pierre Brice finden: Die Reise hat sich gelohnt. Vielleicht ist die Idee des Humanismus ja doch nicht ganz abgeschrieben.