Yassin Trabelsi, Raiko Küster, Sarah Schmidt und Eva Hüster
Schauspiel,

Kalte Logik ökonomischer Zwickmühlen und Zwangslagen

Georg Kaiser: Gas-Trilogie

Theater:Staatsschauspiel Dresden, Premiere:17.09.2022Regie:Sebastian BaumgartenKomponist(in):Robert Lippok

„Gas!“ – Immer wieder erschallt der Ruf auf der Bühne. „Gas!“ Die lärmende Forderung nach mehr Brennstoff, nach mehr Treibmittel für Industrie- und Kriegsmaschinerie bestimmt das Tempo. „Gas!“ Der Drang nach technischem Fortschritt führt in die gesellschaftliche Katastrophe. „Gas!“ Am Dresdner Staatsschauspiel macht Sebastian Baumgarten die monströsen Auswüchse der Energieabhängigkeit fassbar in einer Gegenwart, die vollends von dieser ergriffen ist.

Verdichtet auf knapp zwei Stunden hat der Regisseur drei Stücke der „Gas-Trilogie von Georg Kaiser bestehend aus „Die Koralle“, „Gas 1“ und „Gas 2“. Inhaltlich ist das derart verkürzt, dass man den Figuren kaum folgen kann. Einziger Ort der Handlung ist ein „Werk“, in dem Erdgas produziert wird. Dessen Besitzer ist zwischen kapitalistischem Schinder und Menschenfreund zerrissen. Er beutet aus und verteilt durch einen Doppelgänger zugleich milde Gaben an die Belegschaft. Als sein Sohn die Geschäftsführung übernimmt, wandelt er die Werkshierarchie in eine kollektive Betriebsführung um. Alle Arbeiter haben Anteil am Gewinn. Aus Gier steigern sie den Maximalprofit bei Missachtung aller Risiken. Das Werk explodiert. Nun übernimmt die Regierung die Führung, weil das Gas für die ökonomisch-industriellen Komplex zu wichtig ist, um es dem sozialen Experiment zu opfern. Schließlich fällt die Produktionsstätte im Krieg in die Hände einer feindlichen Macht. Nun soll Giftgas hergestellt werden, das schlussendlich sein tödliches Potenzial entfaltet. „Gas!“

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Präzise Kollektivleistung

Der Handlung en Detail zu folgen, fällt schwer. Oft bleiben nur sprachgewaltige Fetzen von Kaisers Original hängen, entfalten aber ihre expressionistische Ausdruckskraft. Die trifft schon deshalb das Publikum direkt, weil dieses dicht an der sechseckigen Spielfläche sitzt. Die Zuschauenden sind um diese, an eine chemische Strukturformel erinnernde Form gruppiert. Man sieht aufgrund des arena-artigen Aufbaus nie nur die Darstellenden, sondern auch andere Zuschauende und ihre Reaktionen. Dunkel sind Bühne und Raum gehalten, in die Projektionen und Wortkaskaden knallen. Viel Nebel, der aus dem Boden strömt, macht das Gas-Thema fast haptisch erlebbar. Dazwischen agieren die Darstellenden mit Präzision in Sprache und Spiel. Sie vertrauen auf den Text, der keiner Überartikulation und Überbetonung bedarf.

Die Regie lässt ihnen Raum zum Spielen. Sie können mal eine groteske Bewegung ausführen, mal Sätze zerhäckseln, um etwas Abwechslung zu erzeugen, wie das famose Bühnenbild kleine Spielereien wie ein wippendes Brett oder aus dem Boden sprießende Blütengewächse enthält. Nie sprengen solch kleine Raffinessen den Rahmen dieser lobenswerten Kollektivleistung. Alle Darstellenden halten dieses eng geknüpfte Erdgasnetz zusammen, um im Bild zu bleiben. Immer kommt jemand auf die Spielfläche, geht wieder, kriecht von unten hervor, erscheint auf den Publikumstribünen: Nie steht das Spiel still, ist die Aufmerksamkeit ständig ge- oder überfordert. Wie Gas immer wieder verdichtet werden muss, damit es durch die Leitungen strömen kann, so legen die Darstellenden im Spiel ständig nach.

Begeisternd-bedrückend

Der Abend ist eine gemeinsame Anstrengung, auch der Zuschauenden. Das hohe, fast schwirrend machende Tempo wird von Projektionen auf Leinwände über den Köpfen des Publikums unterstützt. Da ballert mal eine Pistole los, wenn unten jemand erschossen wird. Fabrikaufnahmen erscheinen unter blutigem Schleier. Pipelines werden verlegt, abstrakte Animationen kreiseln. Zusammen mit der artifiziellen Sprache und dem ausgestellten Spiel bewirkt das den Eindruck des Monströsen. Man kann sich dem nicht entziehen, so wie der Abhängigkeit vom Gas nicht zu entrinnen ist. Dass er keinen Versuch einer Aktualisierung unternimmt, ist ein kluger Zug von Sebastian Baumgarten.

Die Stückauswahl allein schlägt bereits einen klaren Bezug in die Gegenwart. Der Text führt unmittelbar in die kalte Logik ökonomischer Zwickmühlen und Zwangslagen, die wir heute drastisch erleben. Baumgarten und sein Team aber gaben ihm eine Form, die begeistert wie bedrückt. Sie haben ihn zum Schematischen verpresst, dem es nicht um Figurenpsychologie oder Personendrama geht. Sondern um eine Stimmung der Beklemmung, die ihre treibende Inszenierung aus jeder Pore atmet. „Gas!“